Bezwing den Waschzwang

Martin Skrivanek

Neues aus Wissenschaft und Sport

Die alljährliche Generalversammlung der Selbsthilfegruppe „Bezwing den Waschzwang“ fand dieses Jahr am 28. Mai im Novotel in Wien-Auhof statt. Wie im letzten Jahr (wir erinnern uns alle noch an den fantastischen Mud-Wrestling-Workshop in Mobile, Alabama!) kam es zu einem regen Austausch der neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse über diese besonders unangenehme Form der Zwangsneurose: es erkranken bereits wesentlich mehr Kinder, weil sie zu sauber sind, als weil sie zu schmutzig sind. Die Hygiene frisst Ihre Kinder, liebe Eltern.
Etwa 80 Teilnehmer stellten einander und sich die ihrer Beantwortung harrende, brandaktuelle Frage: „Sind Zwangsneurotiker die besseren Sportler?“. Die gesicherten Erkenntnisse dazu sind bekanntlich unvollständig. Dass diejenigen, die ihre nähere Wohnumgebung nicht mehr verlassen können, weil sie immer zurückgehen müssen um nachzuschauen, ob sie eh zugesperrt haben, eher schlechtere Sportler sind, ist nicht nur logisch, sondern auch wissenschaftlich erwiesen. Zu Waschzwänglern gab es jedoch bislang nur unzureichende Untersuchungen und fragwürdige, stark verallgemeinernde Aussagen.
Anlass genug für Walter Zugriegel, diesen weißen Fleck auf der Landkarte des Wissens mit Farbe zu füllen. Geeignete Wetterbedingungen für dieses Vorhaben mussten dieses Jahr nicht extra abgewartet werden, sie drängten sich vielmehr angenehm auf.
Nach dem Umziehen und Aufwärmen war allen klar: letzte Möglichkeit sich zu waschen, und das für ungefähr 2 bis 3 Stunden. Mir brach bei diesem Gedanken der kalte Schweiß aus. Es gelang mir jedoch, mich mit der bangen Frage, ob ich die Wohnung wirklich zugesperrt hatte, abzulenken.
Von den vielen ZwangsneurotikerInnen aus den Reihen des LCW waren nur wenige erschienen (wahrscheinlich hatten es wieder viele nicht geschafft ihre Wohnung zu verlassen, eh schon wissen, die Sache mit dem Zusperren), was mich freute war, dass sich Rudi Leimberger endlich geoutet hat. Von Gerhard Heinrich wusste ich es ja schon, dass auch Wolfgang Sommerguber einer von uns ist, war mir neu. Von Robert Kastenhofer hatte ich schon gerüchteweise gehört.
Obwohl auch für mich die Forschung im Vordergrund stand, hatte ich mir zusätzlich als Ziel gesetzt, die Fortschritte punkto Bekämpfung meines Waschzwanges in einer besonders schwierigen Situation zu prüfen. Diesen guten Vorsätzen zum Trotz konnte ich bis zum Ende des Glasgrabens der Versuchung nicht widerstehen, den zahlreichen Gatschlöchern und reißenden Bächen auszuweichen. Den meisten erging es ebenso. So konnte es aber wirklich nicht weitergehen, da könnten wir gleich gemeinsam ins Dampfbad gehen! Kurz entschlossen warf ich mich in eine Erfolg versprechende Lacke, die sich auch als ausreichend tief erwies. Da wird Mutti aber schimpfen! Von oben bis unten durchgedreckt, durchweicht aber überglücklich setzte ich meinen Weg fort, in der Gewissheit, dass noch manche meinem Beispiel folgen würden.
Dann kam der Einbruch: beim Laaber Tor konnte ich nicht mehr anders. Der Drang mich zu waschen wurde übermächtig, und wer schon mal so einen Wasch-Turkey erlebt hat, wird mich verstehen. Dagmar flehte mich zwar noch an, es nicht zu tun, doch ich konnte mich einfach nicht mehr beherrschen (siehe das dramatische Foto auf www.lcw.at!). Vielleicht war es dann die Enttäuschung über den negativen Ausgang meines Selbstversuchs, die mir ein bisschen den Schwung nahm. Der Dreihufeisenberg kann es jedenfalls nicht gewesen sein.
Die restliche Strecke bot enorme Vielfalt: Wasser von unten, Wasser von oben, Wasser von links, Wasser von rechts.......und Dreck, wohin das menschliche Auge reichte. Erinnerte ein bisschen an „Im Westen nichts Neues“, nur wurde nicht geschossen. Soll mir recht sein.
Der Schlusssprint fiel wegen beginnender Wadenkrämpfe aus, vielleicht hätte ich mich doch zwischendurch waschen sollen, weil vom Laufen kann sowas nicht kommen.

Welche wissenschaftlichen Erkenntnisse lassen sich nun aus dieser Veranstaltung und der bereits vorliegenden Ergebnisliste gewinnen?:
Es gibt mehr männliche Waschzwängler als weibliche, zumindest unter denen, die ihre nähere Wohnumgebung verlassen können, respektive an der Strecke wohnen, da können sie ja beim Vorbeilaufen prüfen, ob zugesperrt ist. Gleichzeitig können Männer ihren Waschzwang weniger lang unterdrücken: sie sind im Durchschnitt schneller, um möglichst als Erster unter der Dusche zu stehen. Besonders betroffen sind Männer zwischen 40 und 50, also meine Altersklasse. Da ich nicht ganz so zwangsneurotisch wie andere in meinem Alter bin, sind mir die netten Pokale, die man so gut zum Händewaschen benutzen kann, meist verwehrt. Das ist hart, aber nun wenigstens erstmals wissenschaftlich begründbar.
Ich hätte ja noch gerne weiter geschrieben, aber ich glaube, ich habe den Herd nicht abgedreht. Tschüß bis zur nächsten Versammlung!

Martin