Hamburg Marathon 2006

von Michael Thaler

Am Freitag dem 21.April ging es für Beate und mich mit dem Liegewagen ab nach Hamburg. Leider waren wir zu sechst im Abteil, was sich auf unser Schlafgefühl sehr negativ auswirkte. Nach 12 Stunden fahrt bzw. maximal 4 Stunden Schlaf (schnarchende Abteilgenossen) wachten wir ziemlich erledigt auf und mussten feststellen, dass es in Hamburg regnet und die Temperaturen sehr tief waren. Nach dem Hotelbezug fuhren wir bald zur Marathonmesse zur Startnummernabholung. Gemeinsam besuchten wir dann die zwei vorgemerkten „Versorgungsstellen“ an denen sie mir ein selbstgemixtes Isotonisches Getränk und ein Powergel geben sollte. Das Mittagessen bestand fast vollständig aus Kohlenhydraten. Danach waren wir noch ein bisschen müder…
Nach einer 1,5 stündigen Autobus-Stadtrundfahrt im Regen kamen Beate und ich zur Erkenntnis, dass Hamburg im Vergleich zu Wien oder vielen anderen Hauptstädten wenig kulturelles bieten kann. Die Reeperbahn zählen wir nämlich nicht zu einem „Weltkulturerbe“!
Spätnachmittags wurde von mir die Laufbekleidung hergerichtet. Es war klar, dass ich kurz/kurz aber nicht ganz ärmellos laufen werde. Das war das „wenigste“ Gewand, dass ich mir bei diesen kalten Temperaturen zumuten konnte.
Das Nachtmahl bestand wiederum vorwiegend aus Nudeln. Vollkommen müde fielen wir bereits vor 22h ins Bett.

Am Tag des Marathons stand ich um 6:00 auf und besuchte das reichhaltige Frühstücksbuffet um 6:30 für ein einziges Weckerl! Dann wurde gepackt und hergerichtet. Vor der Abfahrt zum Start trank ich 0,75 lt., teilweise Wasser bzw. Isotonisches. Um 7:30 verlies ich Beate und fuhr mit der U-Bahn zum 2,5km entferntem Startgebiet bei der Messe. Ich war dann bereits um 8:00 bei der Bekleidungssackerlabgabe, wo ich schon eine Stunde vor dem Start mein Sackerl abgab. Bekleidet war ich mit meinen Laufsachen (kurze Hose, kurzes T-Shirt vom LC Wienerwaldsee), oben darüber noch ein „Kärnten läuft T-Shirt“ und einen Adidias-Regenschutz. Beides Dinge, die am Start von mir zurückgelassen werden. Speziell das T-Shirt erinnerte mich an einen schlecht organisierten HM in Kärnten und noch dazu erwischte ich beim Packen Beates Shirt mit der Größe Small und wer mich kennt weiß, dass das nicht unbedingt meine Größe ist. Ich spazierte nun eine dreiviertel Stunde auf und ab. Es war sehr fad. Es waren zwar 23.000 Teilnehmer (Rollis, Läufer und Walker) am Start aber ich kannte niemanden und dadurch fühlte ich mich inmitten tausender nervöser Läufer ziemlich einsam. 15min. vor dem Startschuss begab ich mich in meinem Startblock, welcher der letzte dieses Startbereiches war. Man muss sich vorstellen, dass es beim Hamburg-Marathon nämlich 3 sog. Startstrassen gibt. Ich war aufgrund meiner persönlichen Bestzeit zwar im schnellsten Startbereich, jedoch dort in der langsamsten Startgruppe eingeteilt. Ich war zwar ein wenig angespannt aber eigentlich nicht wirklich nervös. Mein Ziel war es konstant 5:40er Splits zu laufen, was eine Endzeit von 3:59:XX bedeuten sollte. Ich wusste zu diesem Zeitpunkt, dass diese KM-Splits grundsätzlich einfach für mich zu laufen sind. Es war mir klar, dass es erst ab KM 30 interessant zu werden beginnen wird, deshalb war es wichtig nicht zu schnell zu beginnen. 15min. vor dem Start begann ich ein paar Dehnungsübungen zu machen und dann zog ich mir die überflüssige Bekleidung noch aus. Es war wirklich sehr kalt, ich schätzte so 8 Grad. Startschuss hörte ich keinen aber man sah, dass sich die vorderen Startgruppen in Richtung Startlinie begaben, da es beim Start leicht bergab ging. Wir setzten uns in Bewegung. Nach wenigen Minuten betrat ich die Startmatte, drückte meine Stoppuhr ab und spürte plötzlich einen ganz kleinen Kieselstein in meinen rechten Schuh hineingleiten. „Das gibt es doch nicht!“ dachte ich mir aber es war kein wirkliches Problem, da sich der kleine Stein nur alle paar Kilometer nur ganz kurz spürbar machen würde. Die Drängerei nachdem Start hielt sich in Grenzen. Den ersten Kilometer lief ich sehr vorsichtig. Nicht zu schnell aber auch nicht zu langsam, damit ich einerseits mein Pulver nicht verschieße und andererseits keinen Rückstand zu meiner Zielzeit aufbaue. Es wurden ganz genau 5:40! Irgendwie lief es aber nicht wirklich rund. Es ging durch enge Gassen, wo die Zuschauer von kleinen Balkonen furchtbarer „Hamburger Gemeindewohnungen“ die Läufer lautstark anfeuerten. Plötzlich rief jemand „Michi, Michi, Michi!“, ich drehte mich um und sah Gabi Resch vom LC Wienerwaldsee, die ihren Mann Rupert betreuend, in Hamburg weilte. Wahnsinn, dass sie mich in diesen Massen entdecken konnte. Ein kurzer Wink und ich war schon wieder weiter. Ich kontrollierte jeden Kilometersplit und merkte, dass ich immer knapp unter 5:40 unterwegs war. Leider waren jedoch einige Kilometer nicht ganz richtig aufgestellt, da ich einmal glaubte schon einen Vorsprung von 1min. zu haben und beim nächsten Kilometer waren es dann nicht einmal 20sek.! Meine 10km Durchgangszeit mit 56:19 war perfekt. Mir ging es wirklich ganz gut und es begann schön langsam auch ruhiger zu „laufen“. Wir liefen teilweise in einsameren Gegenden und dann wieder durch ein Spalier von frenetisch anfeuernden Zusehern. Nach einem Villenbereich wechselte ich von der linken auf die rechte Strassenseite, da es rechts den Hafenbereich zu sehen gab. Schon gestern bei der Stadtrundfahrt sahen wir das größte Schiff der Erde, welches sich derzeit im Hamburger Trockendock befand. Die Km-Splits blieben konstant (soweit die Tafeln richtig standen) zwischen 5:35 und 5:40 also eigentlich perfekt. Der erste Treffpunkt mit Beate war nach meiner Berechnung zwischen KM 14 und 15 beim Hauptbahnhof. Nach 14km war der Bahnhof noch nicht zu sehen. Wir liefen durch die Gegend mit den Hafenkneipen. Endlich nach über 15km kam der Bahnhof rechts vor uns und wie befürchtet verlief die Laufstrecke nicht oberirdisch beim Bahnhof vorbei sondern unterirdisch durch ein ~500m langes Tunnel. Es schien danach, dass ich meine erste Versorgung nun nicht bekommen werde, was zwar nicht weiter schlimm wäre, da wir so etwas befürchteten, da beim Bahnhof die berühmte „Blue Line“ (=kürzeste Laufstrecke) im Vorfeld nicht zu finden war. Auch die Hamburger konnten uns am Vortag nicht weiterhelfen. Am Ende des Tunnels, als es wieder bergauf ging lief ich geistesgegenwärtig rechts, da es ja sein könnte, dass Beate dort auf mich wartete. Und wirklich, sie war da! Ich sah sie zuerst in der Menschenmenge gar nicht aber sie erspähte mich und kam mir mit meiner Verpflegung entgegen. Super, ich trank meine einstudierten drei Schlücke, lies die Flasche und das Gel in der in der Hand. Nach ca. 17km ging ein kleines Mädchen am Strassenrand, welches „hallo“ rief. Alle Läufer die halt grad vorbeikamen entgegneten ein chorales „HAAALLLOOOO“! Das war wirklich sehr lustig, da es sich andauernd wiederholte. Die KM-Splits blieben konstant bei knapp unter 5:40. Nach über 19km warf ich das erste Gel ein und trank die Flasche aus. Nach 20km wusste ich, dass ich den zweiten 10er nur um 6sek. langsamer als den ersten 10er lief. Die Halbmarathondurchgangszeit mit 1:59:30 war punktgenau im Plan. Nun wusste ich, dass Beate in über 3km auf mich beim „alten Wöhr“ warten, mich dort versorgen und die restlichen 17,7km ins Ziel mitlaufen würde. Ich wusste, dass jetzt der Bereich kommen würde, wo Beate wartet und ich hob den rechten Arm, damit sie mich sehen konnte. Leider interpretierten das die vielen Zuschauer etwas falsch und einige klatschten meine hochgehobene Hand ab. Beate sah mich wiederum, lief mit und versorgte mich mit isotonischem Getränk und einem Powergel. Das Gel lies sie noch in ihrer Jackentasche, da ich es erst bei KM 30 einwerfen wollte. Wir liefen ohne viel zu reden gleichmäßig knapp unter 5:40er Splits weiter. Nun sehnte ich schon den 30.Kilometer herbei. Er kam nicht! Dafür kam eine Engstelle, wo wir in einer Breite von nur ca. 4meter liefen. Die Zuschauer waren wirklich sehr impulsiv aber ich merkte, dass es nun kein Honiglecken mehr werden würde. Endlich kam der 30er und ich sah, dass es der schnellste 10er war. Mit 56:17 war er um 2sek. schneller als der erste 10er. Man sieht an Hand dieser Analyse, dass ich sehr konstant unterwegs war. Beim KM 33 merkte ich, dass das Rechnen schwerer (Wieviel ist 5:40 mal 33???) und die Beine auch schon müder wurden. Beate merkte mein stöhnen und baute mich so gut es ging auf. Ich kämpfte mich bis zum 35.Km weiter. Bis dahin war ich noch punktgenau auf meiner Sollzeit. Ich fragte dann Beate, ob jetzt der 36er oder der 37er kommt. Sie motivierte mich weiter und sagte, dass es nicht mehr weit sei bis zum nächsten Kilometer und ich soll nicht immer auf die Uhr schauen. Die Kilometer zogen sich nun extrem. Kurz vor der 36er Tafel spürte ich nun krampfartige Zustände in der Wadenmuskulatur. Ich wusste, wenn ich jetzt am Tempo bleibe, dann kommen Krämpfe. Ich entschloss mich nun zu etwas ganz furchtbarem. Nämlich plötzlich zu gehen. Beate feuerte mich an weiter zu laufen. Ich wollte es ihr erklären, war aber nicht im Stande mich vernünftig mitzuteilen. Nach kurzer Zeit versuchte ich weiter zu laufen. Es gelang aber es tat sehr weh. Nun wusste ich, dass dieser KM mir meinen dünnen Polster den ich hatte, geraubt hatte und das es mit den Muskelschmerzen unmöglich wäre nun unter 4 Stunden zu bleiben. Innerlich gab ich nun auf, ich hatte keine Motivation mehr zu laufen. Ich ging stur weiter. Beate forderte mich mehrmals auf zu laufen, damit es schneller vorbei ist. Schließlich und endlich folgte ich. Ich war neben den Muskelschmerzen auch ziemlich leer. Ich kann mich nun nicht mehr genau erinnern, wie es genau weiterging. Einmal trank ich noch etwas isotonisches von einer Versorgungsstelle, ein weiters Mal besorgte mir Beate etwas zu trinken. Sie kümmerte sich wirklich rührend um mich. Überall feuerten dien Zuschauer unermüdlich an. Es nützte nichts! Ich war wirklich verzweifelt und den Tränen nahe. Ich hatte doch vor den Hamburg Marathon sowie 2 Wochen später den Wien Marathon unter 4Std. zu laufen. Auch im Herbst den München Marathon wollte/möchte ich unter 4Std. schaffen. Und jetzt, jetzt scheitere ich schon beim ersten Vorhaben. Es war zum Heulen. Nach 3Std. 54min. kam ich erst zu KM 40. Nun war mein Ziel unter 4:10 zu bleiben. Ich wechselte Laufen und Gehen ab, da die Wadenmuskulatur furchtbar schmerzte. Kurz vor KM 42 begann ich dann wieder ordentlich zu laufen, da sprang ein Ordner zu Beate und fordert sie auf die Strecke zu verlassen, da sie keine Startnummer hatte. Sie erzählte dem „lieben Mann“ eine Geschichte und war schon bald wieder zu mir aufgeschlossen. Ich lief nun ca. einen 5er Schnitt, da ich mir dachte, wenn jetzt die Krämpfe so richtig rauskommen, dann komm ich schon irgendwie ins Ziel. Ich war wirklich auch geistig ziemlich leer, da ich Beate, die nun wieder neben mir war aus irgendeinem unerfindlichen Grund von der linken auf die rechte Seite von mir (fast)  zerrte. Eigentlich wollten wir Hand in Hand ins Ziel laufen aber ich checkte das einfach nicht. Nach 4:09:39 kam ich dann vollkommen fertig ins Ziel. Der Kreislauf war nicht ganz in Ordnung. Jetzt wäre Verpflegung wichtig gewesen. Nur leider mussten wir ca. 100m. bis zu den Versorgungsstellen gehen, wo wir eine Tasche mit isotonischen Getränk u.ä. bekamen. Nur leider keinen Zucker. Auch bekamen wir keine Wärmefolie, obwohl es wirklich sehr kalt war. Bei der Bekleidungssack-Rückgabe mussten wir uns 15min. anstellen, da die Startnummern nach Startgruppen getrennt abgegeben wurden und somit ziemlich alle zugleich bei den selben Rückgabestellen eintrafen. Die gesamte Zielversorgung war nicht perfekt geregelt. Hier könnte man sich von Berlin oder vom VCM etwas abschauen!
Leider verliefen wir uns dann noch am Weg zu U-Bahn. Ggegen 14:00 kamen wir ins Hotel, wo wir uns noch duschen durften. Den restlichen Sonntag verbrachten wir in einem Lokal, wo wir zu Mittag aßen und ich meinen Frust hinunterspülte.
Die Heimfahrt im Schlafwagen war zwar nicht wie zu Hause im eigenen Bett aber um vieles besser und komfortabler als die Hinfahrt im Liegewagen.
Nun bin ich mir noch nicht ganz im klaren welche Zielzeit ich 2 Wochen nach dem Hamburg Marathon beim Vienna City Marathon anstreben sollte. Soll ich die 4 Stunden wieder versuchen?
Summa summarum kann ich nur sagen, dass mir die Hansestadt selbst nicht besonders gefallen hat. Der Marathon selbst war rein vom Publikum und der Strecke sowie dem Wetter wirklich sehr gut. Nur in Berlin erlebte ich noch mehr Zuschauer und Stimmung. Den Fehler nach einer anstrengenden Liegewagenfahrt nur eine Nacht vor Ort zu verbringen, werde ich auch nicht mehr machen. Etwas positives gibt es aber sehr wohl zu vermerken: Beate hat ihre verantwortungsvolle Aufgabe mich zu betreuen perfekt erfüllt. Leider konnte ich ihr den 5:40er Schnitt nicht so lange bieten…
Ich denke am 7.Mai beim VCM werde ich bei guten Wetterverhältnissen es erneut versuchen unter 4 Stunden zu bleiben.