16. SUPERMARATHON WIEN - BUDAPEST, 19.-23.10. 2005

Laufbericht von Erhard Baurek

Fotos

Rekordbeteiligung beim 16. SUPERMARATHON WIEN - BUDAPEST, 19.-23.10. 2005

139 Staffeln, 31 EinzelläuferInnen (Ultras), 72 RadfahrerInnen und 9 RollschuhsportlerInnen

aus 10 Nationen, also 807 Aktive, nahmen im Wiener Happelstadion die 352 km lange Strecke durch 3 österreichische Bundesländer und 3 ungarische Komitate in Angriff. Dabei wurden 14 österreichische und 39 ungarische Gemeinden durchlaufen. Österreich traditionell spärlich vertreten durch 4 Heeressport-Staffeln und einen Ultraläufer (Harald Zaschka, aufgegeben nach 77 km). Ich selbst lief, nun schon seit Jahren, als Stammgast in der ungarischen Alte-Herren-Mannschaft Gyermelyi Tészta, benannt nach unserem Sponsor, einem bekannten ungarischen Teigwarenhersteller.

 

Für mich begann das 5-tägige Laufabenteuer in gewohnter Weise in Himberg. Noch vor 11 Uhr traf unser Startläufer dort ein. Der Wechsel klappte, obwohl in der Wechselzone einiges los war. Der Verkehr, zwar geregelt, floss oder stockte in beiden Richtungen. Oft blieb kaum Platz für die ankommenden und weglaufenden WettkämpferInnen. Verschärft wurde die Situation noch durch zahlreiche Begleitfahrzeuge und durch die am Straßenrand nervös Auf- und Ablaufenden und ungeduldig Wartenden.

Vorsichtig, will heißen langsam, nahm ich mein Rennen auf. Denn leider war ich nicht vollkommen fit und daher machte sich auch eine gewisse Unsicherheit in mir breit. Rechtsseitig hatte ich Schmerzen im tiefen Gesäßmuskel und im Fersenbein, dort wo die berühmteste aller Sehnen in den Knochen einstrahlt. Anfangs wurde ich immer wieder überholt und ich musste mir das auch gefallen lassen. Es kam aufs Durchkommen an. Mir oblagen heute 30,4 km, das Leithagebirge eingeschlossen. Aber schon ab Sommerrein konnte ich Plätze gutmachen und sogar in der Steigung. Oben angelangt, war ich bereits ganz sicher und zuversichtlich es zu schaffen und auch hinunter nach Breitenbrunn drückte ich noch einmal ordentlich drauf. Freilich war meine Laufzeit schwächer als im letzten Jahr. Nun ließ ich mich vom Bus ins Tagesziel nach Sopron bringen.

 

Am nächsten Tag wurde wegen der Länge der Tagesetappe schon um 7 Uhr früh gestartet. Ich konnte aber noch ruhig weiterschlafen, denn ich war der Schlussläufer. Mein Einsatz war nicht vor 14 Uhr zu erwarten. Ich ließ mich nach Lébény bringen, wo ich noch genug Zeit hatte, die 800 Jahre alte, zweitürmige Kirche zu besichtigen und die Autogrammwünsche des dortigen Jungvolkes zu erfüllen.

Trotz ausgiebigen Aufwärmens stakste ich anfangs recht unrund und langsam dahin. Ich vermied jeden Druck und bemühte mich locker zu laufen. Meine heutige Etappe war ganz flach. Bis Györ (sprich: DJÖHR) waren es für mich 28,6 km. Das Feld war nun schon weit auseinander gezogen. So musste ich wieder ganz allein durchs Land laufen. Zweimal wurde ich von einem Burschen und einmal sogar von einem Mädchen überholt. Auf dem letzten Drittel holte mich noch einer ein. Er wollte wissen, wie weit es noch wäre. Wir sprachen noch einige Sätze, doch dann zog er es vor, sich von mir ziehen zu lassen. Weil mir das nicht wirklich gefiel, riskierte ich eine Tempoverschärfung. Zwar verspürte ich immer noch leichte Schmerzen. Da sie aber nicht stechend waren, hatte ich mich daran gewöhnt. So verlor ich also mein Anhängsel wieder und konnte sogar noch einige Konkurrenten überlaufen, die offensichtlich schon ihr Pulver verschossen hatten. Auf dem letzten Kilometer lief ich zu meinem alten Freund, dem Russen Anatoli Kruglikov* auf. Seite an Seite liefen wir, in der schon beginnenden Dämmerung, über die Ziellienie.

 

Am dritten Tag bekam ich den 11 km kurzen dritten Streckenabschnitt von Nagyigmánd bis Kocs zugeteilt, worüber ich sehr froh war. Mein rechtes Laufwerk war wirklich ziemlich in Mitleidenschaft gezogen. Die Massage am Vorabend war natürlich lockernd und wohltuend,

Heilung kann man aber nicht so schnell erwarten. Wieder hatte ich genügend Zeit mich vorzubereiten und aufzuwärmen. Dabei konnte ich beobachten, wie die vor uns liegenden Staffeln wechselten und wie die Ortsansässigen, von den Kindergartenkindern angefangen bis zu den betagten Menschen, die Läuferinnen und Läufer mit Beifall, Zurufen, Winken, Abklatschen und Fähnchenschwenken empfingen und verabschiedeten. Selbstverständlich gab es auch fetzige Musik und überhaupt herrschte eine ausgelassene, fröhliche Stimmung.

Als ich an die Reihe kam, konnte ich leider keinen beeindruckenden Start hinlegen, was mir wegen der vielen Zuschauer einigermaßen peinlich war. Ich hätte nicht können, auch wenn ich wollte. Ich durfte nichts aufs Spiel setzen, denn ich musste unbedingt an unseren Schlussläufer übergeben. Äußerst quälend waren die ersten 2 km, doch dann wurde es immer erträglicher und die zweite Hälfte lief ich dann so locker und flott, dass ich sogar etliche Gegner ein- und überholen konnte, wodurch meine zu Beginn verzagte Stimmung ins totale Gegenteil umschlug. Nachdem ich meine Pflicht erfüllt hatte, stellten sich im Ruhezustand die Schmerzen aber bald wieder ein.

 

Am vorletzten Tag durfte ich Reserveläufer sein. Jede Staffel besteht aus 4 Akteuren und einem Reserveläufer, der pausiert. Das bedeutete, ich bekam den Ruhetag, den ich tatsächlich dringend nötig hatte, um meine Wunden zu lecken und für den Schlusstag nochmals einsatzfähig zu werden. Ich sah also zu, wie meine Kameraden das recht hügelige Tagewerk vollbrachten und nahm zur Kenntnis, dass es auch ohne mich gut lief. Jeder Mensch ist eben ersetzbar.

 

Finale und internationaler Halbmarathon: Hektik und Durcheinander vor dem Start. Schließlich dann doch ein ordentlicher und pünktlicher Massenstart um 9 Uhr in Budakeszi.

Zuerst ein paar hundert Meter flach, dann lange Bergaufstücke, danach einige Kilometer durch einen Naturpark auf sehr schadhaftem, nassem Asphalt. Aufpassen! Wieder auf der Straße angelangt, ging es bergab, schier endlos und stellenweise auch steil. Es ging mir heute verhältnismäßig gut und so ließ ich es hinunter gewaltig laufen. Ich verspürte keinen Schmerz, knallte die Sohlen ohne Rücksicht auf die Straße, sodass ich immer wieder LäuferInnen hinter mir ließ. Unten in der Stadt war es größtenteils eben. Einmal ging es durch eine Fußgängerunterführung mit 2 Haarnadelkurven. Dann rechts der Donau stromaufwärts zur berühmten Kettenbrücke, über die ich neben einem magyarischen Kanu-Olympioniken**, einem Riesenkerl, Béla mit Vornamen, denn so riefen ihn die Zuschauer an, lief.

Am linken Donauufer führte die Laufstrecke nochmals stromaufwärts, bis zu Margitbrücke, von dort in östlicher Richtung stadteinwärts und schließlich das letzte Stück auf der breiten Prachtstraße, der Andrássy út, nach Norden bis zum Heldenplatz. Dort war nach einem Rechtsschwenk in ca. 200 m Entfernung das Ziel des Halbmarathons und auch des 5 Tage dauernden Supermarathons. Auf den letzten Kilometern konnte ich noch mühelos zulegen, denn ich fühlte keinen Schmerz und hatte noch genug Kraft. Mein Hochgefühl im Ziel wurde nur durch meine Zeit von 1:50 etwas gedämpft. Das war mein bisher schwächstes Halbmarathonergebnis. Auch unser Mannschaftsergebnis war schlechter als gewohnt. Immerhin erreichten wir noch Platz 97 und ließen somit 42 Staffeln hinter uns, obgleich wir die Ältesten mit einem Altersdurchschnitt von 60 Jahren waren.

 

Gute Laune und Stimmung herrschte am Nachmittag bei der Siegerehrung und Preisverleihung mit vielseitigem Programm, wie immer in der Sporthalle in der Nähe des Nép-Stadions. Es wurde gratuliert, geplaudert, gescherzt, gefeiert, Kaffee getrunken, Adressen getauscht und fotografiert. Vor der Heimreise gab es noch eine Würstelparty. Der Abschied war mit dem Versprechen verbunden wieder zu kommen.