LAUFBERICHT VOM VIENNA CITY MARATHON AM 16.05.2004

von Werner Fürnkranz

„Unterwegs mit dem Gradwohl-Express“

Fotos zum Laufbericht

Um 5:00 Uhr morgens wache ich auf und werfe einen Blick aus dem Fenster. Der Regen, der am Vorabend pünktlich zum Beginn des Ambros-Konzertes in Purkersdorf eingesetzt hatte, prasselte mit unverminderter Heftigkeit. Nach der Hitzeschlacht vom Vorjahr gibt es heuer ein Regenrennen – was für ein Kontrastprogramm. Als Sophie und ich um 6:43 als einzige Fahrgäste in den Bus steigen, sieht sie Wetterlage schon beträchtlich besser aus. Und je näher wir uns dem Startgelände bei der Uno-City nähern, um so mehr lacht die Sonne vom Himmel.

Trotz Sonne herrscht ein eisiger Wind an der Donau und ich hülle mich so lange als möglich in die warmen Klamotten. 10 Minuten vor neun dränge ich mich zur Absperrung die meinen Startblock von den Eliteläufer/innen trennt. Zur Sicherheit gegen das Vorwärtsdrängen hat der Veranstalter eine Truppe American Football Spieler aufgeboten, die von den Organisatoren aufgemuntert werden ihre ernsten Mienen abzulegen, um fürs Fernsehen zu lächeln. Doch im Bewusstsein, dass sie in wenigen Minuten um ihr Leben laufen müssen, um nicht von den 8000 Marathonläufern überrollt zu werden, fällt das Grinsen fürs TV schwer.

War es das Tuten eines Donaudampfers oder das Startsignal? Egal - Punkt 9:00 setzen sich alle in Bewegung. Vor dem Rennen habe ich mir gedacht, entweder hängst du dich so lange als möglich hinter den Scheiber Georg (der war zwar angemeldet aber nicht am Start) oder hinter die Gradwohl, denn die wollen sicher knapp unter 2:40 laufen. Fällt natürlich ein wenig unter Größenwahn nach dem Linz Marathon an eine erneute persönliche Bestzeit zu denken, aber dass Wetter mit der optimalen Lauftemperatur kann schwer als Ausrede für ein Ablassen vom persönlichen Ziel herhalten. Wegen des starken Windes war von der Taktik her klar, dass der Erfolg nur über ein gemeinsames Laufen in einer großen Gruppe möglich ist. Auf den ersten hundert Metern ergibt es sich, dass ich zu Eva-Maria Gradwohl aufrücke. Ich deute das als ein Zeichen und hefte mich an ihre Fersen. Ich bin natürlich nicht der einzige mit dieser Absicht und bis zum Mexikoplatz formiert sich eine größere Gruppe um Österreichs beste Marathonläuferin. An der Spitze dieser Gruppe fährt ein schwarzer Smart. Dann folgen die drei Pacemaker von Gradwohl, die wenn es der Wind erfordert eine schöne Pfeilspitze formen, hinter der geschützt Eva-Maria ihre Kilometer abspult. Sie ist der uneingeschränkte Star der Truppe und alle Aufmerksamkeit gehört ihr. Ich bin erstaunt wie viele Wiener/Innen die Steirerin kennen und lautstark anfeuern. Hinter ihr gibt es ein ziemliches Gedränge um die Positionen. Eine gute Position bedeutet keinen Gegenwind und eine höhere Sicherheit beim Rhythmuswechsel an den Verpflegungsstellen leicht dran zu bleiben und keine Energie zu verschwenden. Das Laufen in der Gruppe erfordert höchste Konzentration, um niemanden unabsichtlich zu Fall zu bringen. Es kommt immer wieder vor, dass dir irgendjemand aus Unachtsamkeit seinen Ellbogen reinrammt oder dass die Beine touchieren. Die Kilometer bis Schönbrunn vergehen wie im Flug. Ich bekomme die Kilometertafeln überhaupt nicht mit. Immer wieder fängt sich mein Blick an der großen Zeitanzeige, die am Smart montiert ist – 20 Minuten, 30 Minuten, 36:40 – 10km sind absolviert. Durch das Gefälle der Mariahilferstraße wird das Tempo immer schneller und für kurze Zeit bin ich im Zweifel, ob sie nicht doch den österreichischen Rekord anpeilt. Am Ring wird aber wieder das Tempo rausgenommen und es fällt mir nicht schwer dranzubleiben. Gradwohls Tempomacher leisten erstklassige Arbeit. Neben der Versorgung mit Flüssigkeit, die durch einen zusätzlichen Begleiter am Fahrrad mitgeführt wird, erkundigen sich die Herren regelmäßig durch Fragen und forschende Blicke, ob das Tempo passt. Sie muss ihre Kommandos durch Augenaufschlag erteilen, denn solange ich in ihrer Gruppe bin, spricht sie weder ein Wort, noch nickt sie mit dem Kopf. Als wir vom Ring abbiegen, kommt unmittelbar hinter mir eine Eliteläuferin zu Fall, weil ihr in der Kurve jemand aufs Bein steigt.

Die Durchgangszeit beim Halbmarathon ist 1:17:49 und so locker bin ich die 21km noch nie gelaufen. Mittlerweile hat sich die Größe der Gruppe von noch 11 bei Schönbrunn auf 7 beim Eingang zum Prater reduziert. Als wir auf die Praterhauptallee abbiegen, macht Gradwohls Getränketransporteur die schmerzhafte Erfahrung, dass Bremsen, Kurvenfahren und Handytelefonieren am Fahrrad nicht leicht zu koordinieren sind. Er übersteht seinen unfreiwilligen Abstieg aber unbeschadet und ist schon bald wieder neben uns. Im Prater freue ich mich über die Anfeuerungen von Hartwig Fuchs (im Team der Marathonsiegerstaffel) und von Emmerich Kreuzeder (Sieger Fuldacup 2002), und natürlich besonders über die von Sophie. Bei km 28 steigt ein weiterer Tempomacher in den Smart und Eva-Maria hat nur noch einen Helfer. 1km später muss ich erkennen, dass ich das Tempo nicht mehr mitgehen kann und ich lasse abreißen. Es stehen mir nun 13km bevor, die ich im Alleingang bewältigen muss. Bis zum Lusthaus habe ich noch Sichtkontakt zur Gruppe von Gradwohl. Die Praterhauptallee ist immer ein einsamer Kampf, aber im Vergleich zum Vorjahr war sie heuer für mich ein Kinderspiel. Beim Verlassen des Praters treffe ich auf Ingrid und Alfred die puren Optimismus und Zuversicht aussprühen. Zu diesem Zeitpunkt sind meine Reserven bereits aufgebraucht und ich kann ihren Enthusiasmus nicht teilen. Die geänderte Streckenführung Richtung Urania ist eine absolute Verbesserung zum Vorjahr, trotzdem habe ich das Gefühl zu stehen. Meine Schritte klatschen schwerfällig auf den Asphalt und zunehmend schwindet in mir die Hoffnung eine neue persönliche Bestzeit ins Ziel zu bringen. Vor dem Bank Austria Gebäude beim Bahnhof Wien Mitte taucht ein begeisterter Willi auf - ein kleiner Motivationsschub. Ich versuche nochmals alle Kraft zu sammeln für die letzten zwei Kilometer. Nach der Oper wartet die nächste Überraschung. Rudi und Reinhard machen sich bereit, um mich auf dem letzten Kilometer zu begleiten. Was für eine tolle Geste. Ich freue mich riesig, kann aber in diesen Moment meine Dankbarkeit nicht wirklich zeigen. Beide strahlen mich freudig an und Reinhard redet aufmunternd auf mich ein. Das Heldentor rückt näher und mein Schritt wird wieder flüssiger. Gemeinsam beschleunigen wir noch einmal, dann verlassen sie mich und ich biege in die Zielgerade.

Mit 2:43:50 erziele ich eine neue persönliche Bestzeit und die Top 100 Platzierung mit Rang 51 beim VCM freut mich gewaltig.

Als Sophie und ich uns unter die Zuschauer vor dem Heldentor drängen, biegen dort die Läufer/Innen mit einer Endzeit von 3:10 in die letzte Kurve vor dem Ziel. Es gibt keine Lücken mehr zwischen den Läufer/Innen. Es ist ein nicht enden wollender Strom an Marathonis, der dem Ziel am Heldenplatz entgegen strebt. Knapp über der 3 Stundenmarke herrscht eine beeindruckende Leistungsdichte. Den meisten sind die Strapazen der 42 Kilometer nicht anzumerken; die Freude über die eigene Leistung überstrahlt alles. Während der 20 Minuten, die wir dieses Lauffest genießend beim Heldentor verbringen, warte ich vergeblich darauf, dass sich nur für wenige Sekunden eine Lücke im Läuferfeld auftut.

Zuhause angekommen, läutet das Telefon. Das bedeutet normalerweise, dass sich entweder meine Mutter oder mein Bruder erkundigen, ob ich noch lebe, und wie es so war. Doch diesmal sind alle schon bestens informiert. Bei 2:40 hat der ORF seine Objektive auf die Zelte bei der Oper gerichtet und ich bin zufällig ins Bild gelaufen.

„Schnell hast du nicht mehr ausgesehen“, meint mein Bruder in seiner sachlichen Analyse. „Vielleicht lag es aber am Teleobjektiv der Kamera“, setzt er ein wenig diplomatischer hinzu. „Wenigstens bis du nicht so geschwankt wie der Sieger“. Na also, doch telegen. Am Abend setzten wir uns zusammen für eine Videoanalyse, zählen vier Einblendungen des LCW -Trikots in der TV-Übertragung und lassen den tollen Tag noch einmal Revue passieren.