Laufbericht vom Linz Marathon – 2004-04-18

von Werner Fürnkranz

Die Atmosphäre am Start war ziemlich locker. Fünf Minuten vor dem Start konnte ich kaum glauben an einer Marathonveranstaltung teilzunehmen. Während in Wien die Starter schon 15 bis 20 Minuten vor Beginn des Rennens dicht zusammengepfercht auf das Startkommando warteten, schien hier kaum einer Anstalten zu machen sich zur Startlinie zu bewegen. Ich schlenderte durch den losen Haufen bis ich am Plastikband anstand, dass die Eliteläufer von den „gewöhnlich Sterblichen“ trennen sollte. Vor dem Start schaute ich mich noch nach bekannten Gesichtern um, und entdeckte Alfred Sungi (Startnummer 705) vom LCC, den ich bei den Cross-Meisterschaften in Mödling kennengelernt hatte und Georg Scheiber (auf den Fotos mit hochgeklappter Startnummer), den ich bei meiner Auhof – Trainingsrunde ab und zu begegne und von früheren Zugriegel-Veranstaltungen her kannte. Beide wollten unter 2:40 laufen und waren somit als Schrittmacher abgeschrieben.

Um 9:52 – die Rundfunkfrequenz des lokalen Radiosenders – feuerte ein uriger Schütze seine „Flinte“ ab und schickte uns alle ins Rennen. Kaum 300 Meter unterwegs hörte ich schon die ersten Anfeuerungsrufe von Dagmar und Wolfgang. Über die Nibelungenbrücke ging es in Richtung des Stadtteils Urfahr. Bei KM 2 warf ich einen ersten Blick auf die Uhr: 7min 10 sec. – mein Gefühl hatte mich nicht getäuscht – wir waren alle viel zu schnell unterwegs. Mittlerweile hatte sich eine tolle Gruppe formiert, in der drei Läufer von Georgs steirischer Mannschaft vertreten waren. Alfred Sungi machte die ersten 6 km einsam das Tempo in dieser Gruppe. Der Mann hat eine Marathonbestzeit von 2:35 – wer also sollte ihm beim Tempomachen ablösen wollen. Es war die Favoritin der Damen Elena Fadeeva mit ihren Begleitern die ihm diese Aufgabe abnehmen sollte. Das Tempo in dieser Gruppe wurde dadurch noch ein wenig schneller. KM10 – 36:30 nur eine Minute über meiner 10km Bestzeit. Natürlich war ich mir im klaren, dass ich für das hohe Anfangstempo im Laufe des Bewerbes noch Tribut zahlen musste, aber es war in diesem Moment zweitrangig. Ich lief in einer starken Gruppe, fühlte mich stark, die Landschaft war schön und die Begeisterungsfähigkeit bei den Leuten am Straßenrand und in der Staffelzone war bewegend.

Laufen ist ein emotionales Erlebnis und in solchen Momenten siegt bei mir das Gefühl über die Vernunft. Irgendwie hatte es den Anschein, dass die Anderen es auch so sahen. Bei Km 13 teilte sich unsere Gruppe und auch ich ließ abreißen. Die Ukrainerin und ihre Gefährten samt Alfred verabschiedete sich und ich war heilfroh, dass auch die anderen das Loch nicht stopfen konnten. Ich wechselte mit Georg die Führungsarbeit ab und wunderte mich wie es die Datler´s so schnell geschafft hatten auf die andere Seite der Donau zu wechseln. Überall standen Streckenposten in blauen Jacken und so kam mir in den Sinn, dass dies eigentlich ein Heimrennen für uns LCW´ler ist. Über die Nibelungenbrücke ging es zurück in Richtung Start. Die Linkskurve am Ende der Brücke war voll von Zusehern, die ordentlich Stimmung machten. Schon von weiten erkannte ich Sophie, wie sie um eine guten Fotoplatz kämpfte. Ich wollte unbedingt als erster in die Kurve und als wir durchliefen, dachte ich so ähnlich müssen es die Radfahrer bei der Tour de France erleben. Die folgenden Kilometer bis zur Halbmarathondistanz machte vor allem Karl Benesch das Tempo. In unserer Gruppe lief noch Alois Puchner vom LG AU Pregarten, den hier jeder zu kennen schien und der schlussendlich Sieger der M50 wurde.

KM 21 – Duchgangszeit 1:17:47 – für mich unglaublich, immer noch dran am Karl, dessen Marathonbestzeit bei 2:33 liegt. In der Folge hielt Karl das Tempo, Georg konnte nachsteigen und ich blieb mit Alois zurück. Wiedermal war ich heilfroh nicht allein laufen zu müssen. Die nächsten Kilometer waren von der Streckenführung weniger toll und es gab nur wenige Zuseher. Ich hatte was den Streckenplan betrifft die Orientierung verloren und spulte monoton die Kilometer ab in der Hoffnung möglichst bald innerstädtisches Gebiet zu erreichen. Ab und zu lief jemand an mir vorbei. Die schnellen Läufer waren leicht als Staffelläufer zu erkennen, die anderen hatten sich das Rennen sehr gut eingeteilt. Ich war trotzdem guter Dinge, denn der Einbruch war unvermeidlich, schließlich hatte ich es in der Vorbereitung wiedereinmal nicht geschafft, lange Läufe zu absolvieren. Mein längster Lauf – der Tullner Brückenlauf – lag ja auch schon drei Wochen zurück. Bei KM 28 nach 2/3 des Rennens begann ich zum Rechnen, ob eine persönliche Bestzeit möglich wäre. Es ist eine dumme Sache wenn du mit dem Zahlenspiel anfängst, denn es ist ein sicheres Anzeichen dafür, dass dir langsam die Kraft schwindet und du einen einfachen Ausweg suchst aus dieser schwierigen Situation raus zu kommen. Mittlerweile waren die Beine knüppelhart. Nach 2:02 bei KM 32 fing ich an die Situation neu zu überdenken und kam zu dem Entschluss, dass eine Zeit unter 2:48 durchaus noch möglich sein müsste.

Vor mir tauchte unverhofft Alfred Sungi auf. Auch er hatte einen Einbruch. In dieser Phase des Laufes half er mir unheimlich. Sein flüssiger Schritt sagte mir, dass ich nicht so schlecht drauf sein konnte und ich hatte mir als neues Ziel gesteckt ihn einzuholen. Das Stadtzentrum war wieder erreicht und es gab die wohltuende Unterstützung der Vereinskollegen. Dagmars „Juhuuu!!!“ hab ich jetzt noch im Ohr, Alfred Arocker feuerte mich auch lautstark an und Sophie ebenfalls. Da gab es dann kein Zurück. Die KM 39 bis KM 41 waren um nichts leichter als bei meinen bereits absolvieren Marathons und ich war darauf bedacht nicht durch einen unvorsichtigen Schritt und einen damit verbundenen Krampf meine Traumzeit zu gefährden. Es ist immer erst der letzte Kilometer, wo du nochmals unglaubliche Kräfte freisetzt. Als wir in die Landstraße eingebogen, hatten alle meine Vordermänner nochmals Vollgas gegeben und ich tat es ebenso. Die Stimmung dort war gewaltig, die Zuseher – anders als in Wien – so nah, die Begeisterung südländisch und es war unglaublich laut. Wie von einem Magnet angezogen rasten wir ins Ziel. 2:45:38 – Platz 45, unter den besten 40 bei den österreichischen Staatsmeisterschaften und unter den besten 10 Niederösterreicher. Ich hatte mir, ohne zu wissen wie, das schönste Namenstagsgeschenk gemacht.