15. Supermarathon Wien – Budapest
19. – 23. 10. 2004

von Erhard Baurek

Meine persönlichen Eindrücke, Erlebnisse und Berichte

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Das absolute Spitzenereignis in meinem Laufjahr. Daher schätzte ich mich glücklich und geehrt, heuer wieder, wie auch im vorigen Jahr, in die ungarische Staffelmannschaft GYERMELYI  TESZTA (gesprochen wird das DJÄRMÄJI  TEESTA) einberufen worden zu sein.

18. Okt., der Tag vor dem Rennen

Sopron, Sporthalle: Anmeldung, Quartierzuteilung, Passkontrolle, kurze ärztliche Untersuchung, Startnummernausgabe, Wiedersehen mit alten Freunden, angeregte Stimmung bei der Würstelparty, Showprogramm, Begrüßungsansprachen, feierliche Eröffnung mit der Europahymne. 17 Nationen sind vertreten. Es meldeten sich 33 Ultra-LäuferInnen, 128 Staffelmannschaften zu je fünfen, darunter 4 österreichische HSV-Staffeln, sowie eine starke Gruppe von Radfahrern und 7 Inlineskater.

Zum Abschluss gibt es ein Feuerwerk. Ich fahre mit meiner Startnummer nach Hause, denn ich werde morgen von meiner Frau nach Himberg, direkt zum 1. Wechselplatz gebracht.

Erster Tag, Wien – Sopron, 93,8 km. Meine Etappe 30,4 km.

Gemütliches, ausgiebiges Frühstück zuhause, denn ich erwarte unseren Startläufer nicht vor 10:30 Uhr in Himberg. Ziemlicher Berufsverkehr entlang der Laufstrecke. Entsprechende Nervosität bei den Kampfrichtern und Ordnern, die hier die Übergabe regeln und alle Hände voll zu tun haben die Fahrspur für die LäuferInnen frei zu halten, denn die zufahrenden Begleitfahrzeuge behindern immer wieder die Sicht auf die ankommenden StaffelläuferInnen und EinzelläuferInnen (Ultras) und behindern auch den Wechsel. Auch die Wartenden, mich eingeschlossen, sind nervös und wärmen auf der Wettkampfstrecke zwischen dem fließenden Verkehr und dem Publikum auf. Die heranstürmenden Spitzenläufer werden lautstark angefeuert, wie auch die eben Startenden und auch die später Eintreffenden. Schließlich erkenne ich unseren Mann in der Ferne. Er kommt rasch näher. Schnell streife ich meine Überjacke ab, gebe sie an unseren heute pausierenden, neben mir stehenden Läufer weiter und übernehme in der vorgeschriebenen Zone meine Aufgabe. Ich beginne nicht spektakulär, denn man muss mit seinen Kräften haushalten. So verliere ich gleich einige Plätze, lasse mich aber nicht zu einer Tempoverschärfung hinreißen. So muss ich immer alleine knüppeln. Um so mehr freut man sich, wenn eine Ortschaft in Sicht kommt und eine Verpflegungsstation sowie ein paar Zuschauer zu erwarten sind. Es gibt frischen Seitenwind und ich muss mir einen aus einem Papiertaschentuch gedrehten Stöpsel in das rechte Ohr stopfen. Vergangenes Jahr hatte ich nämlich eine schmerzliche Erfahrung machen müssen. Nach 15 Kilometern nehme ich einen Becher Tee. Leider dreht der Wind nun auf Gegenkurs, was mir ordentlich zu schaffen macht. Das Leithagebirge ist schon lange zu sehen und schließlich erreiche ich auch Kaisersteinbruch, wo der Anstieg beginnt. Wenigstens kein Wind mehr. Oben angekommen kann ich zwei Läufer überholen und dann beim Abwärtslaufen – Blick auf die Windmühlen unserer Zeit in Richtung Jois und auf den See – nochmals zwei. Nach 2:37 Stunden schicke ich unseren dritten Renner auf den Weg. Der Bus mit meinen Klamotten wartet hier in Breitenbrunn auch auf die Letzten und so kann ich leider nicht dabei sein, wie unser Schlussläufer in Sopron eine gute halbe Stunde vor unserem Klassengegner ins Ziel kommt.

Zweiter Tag, Sopron – Györ (sprich Djöhr, oder Rab),115,9 km. Meine Distanz 28,6 km.

In der allabendlichen Mannschaftsbesprechung wird die Reihenfolge für den folgenden Tag besprochen und festgelegt, wer einen Ruhetag nimmt. Ich bekomme die Schlussetappe, was mir sehr entgegen kommt. So habe ich relativ lange Zeit zur Erholung und dieses Teilstück weist nur geringfügige Steigungen auf, die stärkste ist eine Autobahnüberquerung. Ein sonniger Herbsttag, ideal zum Laufen und ich habe viel Zeit in Lébény mit seiner romanischen zweitürmigen Kirche. Um 14:07 Uhr kommt mein Vorläufer vor Schmerzen stöhnend an. Er hat einen Wadenkrampf. Aber er ist da. Wieder beginne ich verhalten, wie sich das ja schon bewährt hat. Das Feld ist vollkommen auseinandergezogen. Die Abstände zwischen den LäuferInnen betragen mehrere Minuten. Auf den langen einsamen Straßenstücken kann man gut in sich hineinhören, rechnen und die Kilometerzeiten kontrollieren. Erblickt man in der Ferne eine Kirchturm, freut man sich schon auf die Schulkinder, die mit ihren rot-weiß-grünen Fähnchen winken und die schwitzenden, schnaufenden SportlerInnen mit hajrá!-Rufen (sprich:heuraa!) anfeuern und abklatschen, die darüber ihre Schmerzen oder schweren Beine vergessen. Doch dann wieder die Einsamkeit der Kleinen Tiefebene. Bei km 105, für mich ist es etwa der 19. Kilometer, bekomme ich bei einer Labestelle unerwartet Gesellschaft. Ich höre wie jemand zu den großen Schülern – anscheinend Nachmittagsturnen – sagt: ihr drei begleitet ihn! Durch diese Eskorte werde ich naturgemäß zu einem etwas höheren Tempo veranlasst, sodass ich an einen weit vor mir Laufenden herankomme, den ich mühelos überholen kann. Als sie sich nach vielleicht 3 oder

4 km verabschieden, bedanke ich mich bei ihnen. Insgeheim bin ich froh wieder allein auf Kurs zu sein, obwohl mir die Abwechslung gelegen kam. Das Ziel ist nicht mehr fern, da holt mich der spätere Gesamtsieger (Ultra) der Ungar Attila Vozár mit seinem Begleitradfahrer ein. Er ist nicht viel schneller als ich, dennoch kann ich nicht mithalten und bin bald wieder allein. Immerhin ist Györ jetzt schon zusehen, aber es zieht sich doch noch einigermaßen.

Endlich biege ich in die Zielgerade ein. Aber da ist kein Ziel, keine Menschen, auch nicht meine Staffelkameraden, von denen ich erwartet hätte, dass sie mit mir die letzten 200 oder 300 m zurücklegen würden. Also weiter, weit kann es ja nicht mehr sein. Aha, über die Fußgängerbrücke muss ich noch. Da sind meine Kameraden. Sie freuen sich, als ob ich der Sieger wäre und begleiten mich ins Ziel. Unbedingt erwähnenswert ist die Harmonie und der gute Mannschaftsgeist unseres Gespanns. Freilich kennen wir einander ja nicht erst seit gestern. Unser Vorsprung ist auf 1 Stunde und etwas mehr als 27 Minuten angewachsen. In der absoluten Wertung liegen wir auf dem 68. Platz. Nun ist Körperpflege, besonders Muskelpflege, angesagt, um morgen wieder fit zu sein.

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Dritter Tag, Györ – Tata, 60,8 km. Mein Teilstück nur 12,4 km.

Oje, morgens ergiebiger Regen, später nur mehr zeitweise, schließlich Nieselregen, nebelig, hohe Luftfeuchtigkeit. Aber ich darf hoffen, bin ich doch wieder Schlussläufer. An meinem Warteplatz in Kocs, wo es ein Kutschenbauermuseum (Wagnermuseum) gibt, kann ich mich noch im warmen Bus ausrasten. Dann laufe ich mich auf der Strecke ein und beobachte die Wechsel der schnellen Staffeln. Heuer ist auch eine Staffel aus Kenia am Start. Die Schwarzen finden viel Beachtung, enttäuschen aber am Ende mit ihrem 4. Rang. Ich ziehe die wasserdichten Schuhe an. Natürlich muss ich in dem Baumwollleiberl unseres Sponsors laufen. So komme ich zwar trockenen Fußes, aber mit klatschnassem T-shirt in Tata an. Ich fühle mich gut. Die gestrige Massage hat mir wirklich gut getan. Man kann sich übrigens jeden Abend massieren lassen. Das ist im Nenngeld inbegriffen. Im Zielraum sind die Familien meiner Mannschaftskameraden, sie sind aus dieser Region. Sie begrüßen mich sehr herzlich, haben selbstgebackene Köstlichkeiten mitgebracht. Morgen werden sie in ihrer Heimatgemeinde Tarján an der Straße sein und dort einen Ramba-Zamba für die vorüber- ziehenden AthletInnen abziehen. Heute nehmen wir den Rivalen weitere 11 Minuten ab.

Vor dem Abendessen benutze ich noch das Römerbecken (heißes Wasser) des Bades der Sportschule Tata und die Sauna um meine Muskulatur zu lockern. Auch dem Flüssigkeitsbedarf wird Rechnung getragen, wir sind übrigens alle Biertrinker.

Eine Anmerkung: im Zielraum kann man unentgeltlich Kaffee, Tee, Kakao, Mineralwasser mit und ohne, Red Bull, Iso, Bier und alkoholfreies Bier oder Radler bekommen solange der Vorrat reicht. Sponsoren.vor den Vorhang!

Vierter Tag, Tata – Budakeszi, 59,2 km. Für mich gibt´s heute 18,4 km.

Abermals bekomme ich die letzte Teilstrecke zugeteilt. Nicht nur der Ehre wegen schätze ich es als letzter zum Einsatz zu kommen, sondern auch deswegen, weil ich so ohne Hast, genussvoll frühstücken kann und noch genügend Zeit habe mich vorzubereiten. Es ist wieder feucht und nebelig, aber es regnet nicht mehr. Weil mir bis zu meinem Auftritt genügend Zeit bleibt, schaue ich mir den ersten Wechsel an. So kann ich die Spitzenläufer sehen und auch unsere Mannen beim Wechseln beobachten. Dann lasse ich mich von einem Begleitfahrzeug einer unserer Heeresmannschaften zur nächsten Ortschaft mitnehmen, wo die Verwandten meiner Leute wie versprochen Stimmung machen und ein Riesenspektakel aufführen. Eine Zweimannkapelle mit Verstärkern und was weiß ich für elektronischem Zubehör intoniert lautstark zündende Rhythmen wie Rock´n Roll und so, sodass sogar die vorbeilaufenden Langstreckler in diesen Takt fallen. Und alle Mädchen, Frauen und sogar Großmütter hüpfen im Takt, schütteln ihre Cheerleader-büschel und feuern jeden enthusiastisch an. Jetzt kommt unser Läufer, er ist der Großvater, Ehemann und Vater einiger Cheerleader. Die Stimmung erreicht den Höhepunkt, kennt ihn doch hier jeder im Ort. Aber ich muss nun doch sehen, dass ich nach Zsámbek an meinen Platz komme. Es bleibt mir noch genügend Zeit mich vorzubereiten. Ich kann sogar noch einen sich heiser bellenden Hund mit dem Schinken aus meinem Lunchpaket beruhigen. Die Ablöse verläuft klaglos wie immer..

Völlig gelassen lasse ich einige Eilige überholen, denn ich weiß, dass ich sie entweder auf den letzten Kilometern wieder aufschnupfe, wenn sie nichts mehr drin haben, oder aber sie mir sowieso zu stark sind. Die meisten sind ja um Jahrzehnte jünger als ich. Zum Glück gibt es Altersklassen, auch bei den Staffeln. Die Strecke ist hügelig. Auf dem letzten Viertel meines Weges nehme ich drei Läufer, allerdings mit großen Abständen auf mich, vor mir wahr. Heute mach ich mir ein besonderes Erfolgserlebnis, denke ich mir: die Drei pflückst du dir. Beinahe mühelos komme ich am ersten Kandidaten vorbei. Ich muntere ihn natürlich mit einem, nicht ganz ehrlich gemeinten, „hajrá!“ auf. Auch am zweiten „Feind“ gehe ich demonstrativ locker vorbei, aber der dritte Widersacher liegt 2 km vor dem Ziel noch gut 200 m vor mir. Es geht bergab und ich komme kaum näher. Schon beginne ich zu resignieren. In der Senke ist es kurvig und ich habe keinen Sichtkontakt mehr. Nach Durchqueren der Senke kommt eine etwa 800 m lange, gemeine Steigung bis ins Ziel. In der Hälfte bin ich plötzlich am Gegner. Der aber gibt Gas, als er mich bemerkt und läuft davon. Ich halte mein Tempo und komme auch so wieder an ihn heran, bleibe aber hinter ihm. Noch 100 Meter bis zum Ziel. Jetzt ziehe ich den Spurt an und fliege derart an ihm vorüber, dass ihm nicht mal der Gedanke kommt zu parieren. Meine Mannschaft empfängt mich mit Jubel und einem Frischgezapften. Ich bin total außer Atem, aber zufrieden und glücklich. Unser Vorsprung auf den Gegner ist auf über 1 Stunde und 44 Minuten angewachsen. Da kann morgen eigentlich gar nichts mehr passieren.

Letzter Tag, Budakeszi – Buda, Halbmarathon mit Massenstart. Für die Staffelwertung werden die Zeiten der vier Schnellsten addiert, denn heute laufen alle fünf.

Sechs Uhr Tagwache, frühstücken bis sieben, halb acht Abfahrt der Busse zum Start.

Trübes Wetter, die Straßen sind nass, wenigstens ist es nicht kalt. In der Halle gestrige Ergebnisse abholen, Tee trinken, mit LäuferInnen plaudern, noch mal auf´s Topferl gehen, aufwärmen, fertigmachen zum Lauf, trockene Sachen im Bus verstauen, günstigen Startplatz suchen, denn die Straße ist nicht sehr breit, neun Uhr Start.

Es geht nur zäh voran, denn heute wollen 1142 Laufbegeisterte das Ziel erreichen. Dieser Wettlauf ist nämlich auch offen ausgeschrieben. Nach einigermaßen flachen 6 Kilometern eine lange, stellenweise recht starke Steigung. Bis km 10 oder 11 sind viele meiner persönlichen Gegner noch vor mir. Jetzt kommt das mehrere km lange, knietötende Gefälle, wo ich schon viel gutmachen kann. Heute läuft keiner alleine. Von einem Pulk kann man aber nicht sprechen, denn die Menschen um einen herum wechseln ständig. Läufer, die ich überholt habe, überholen mich wieder, werden später wieder von mir überholt und so fort. Mir ist nicht klar, ob ich so unregelmäßig knüpple, oder die anderen. Freilich knalle ich bergab Riesenschritte auf den Asphalt. Auf dem letzten (flachen) Drittel werde ich kaum mehr überholt, lasse aber noch einige hinter mir. Auf dem letzten Kilometer passiere ich noch einen möglichen Altersklassengegner, von dem ich eigentlich dachte, dass ich ihn hinter mir hätte. Jetzt heißt es auf dem Gaspedal bleiben, um den Platz zu halten. Meine Taktik geht voll auf, ich bleibe auf der Überholspur und erreiche in 1:43:30 das Ziel. Dort winkt mir schon mein Budapester Freund zu, der mich jedes Jahr hier mit einer gut temperierten Flasche Bier begrüßt, um mir das Anstellen zu ersparen. Ich hole mir meine sehr geschmackvoll gestaltete Medaille ab, dann etliche Fototermine, Plaudereien, gegenseitige Gratulationen, trockene Sachen anziehen, Abfahrt ins Hotel, duschen, Mittagessen und schließlich zur festlichen Siegerehrung, die mit einer Würstelparty abgeschlossen wird. Meine Mannschaft gewinnt die Altersklassenwertung überlegen (Differenz zum Gegner 2:24:33). Für jeden von uns gibt es eine Armbanduhr und einen Warengutschein. Ein wunderschönes Lauferlebnis ist zu Ende.

Die nächste Auflage dieser Veranstaltung findet am 19. Oktober 2005 statt.

Siehe auch www.szupermarathon.hu, auch deutschsprachige Fassung liegt vor.