Wachaumarathon 2003

von Michael Thaler

Nach einer Vorbereitung von 12 Wochen und halbwegs sportlich-gesunden Leben im Vorfeld (bis auf die vorletzte Nacht, da wurde es 04:30 L) war es nun am Sonntag den 14.09.2003 wieder so weit. Mein zweiter Marathon stand vor der Türe. Das Wetter war ideal. Als ich um 07:00 aufstand hatte es nur 7 Grad, es war windstill und fast wolkenlos. Gerlinde holte mich um 08:00 ab und wir trafen dann -nachdem wir uns mit den anderen Marathonis in Pressbaum zusammengetroffen hatten- um ca. 09:15 in Emmersdorf ein. Nachdem ich mich (beinahe im „Elitebus“) umgezogen hatte und mit einigen bekannten Laufkollegen ein paar Worte wechselte, begaben wir uns um 10:15 zum Start.
Mein Ziel war unter 4h 30min zu bleiben (VCM 4h 59min 50sek) und bei guten Verhältnissen die 4h 12min anzupeilen, was einen Schnitt von knapp 6min/km ergeben würde.
Um ca. 10:25 fiel dann der Startschuß, nachdem wir vom „Bolero“ via Lautsprecher fast eingeschläfert wurden.
Mein Puls war auf ca. 80, was im Vergleich zum VCM doch gering war. Ich wußte, daß ich auf keinen Fall zu schnell beginnen durfte und so nahm ich auch das Angebot von Margret mit ihr zu laufen (Zielzeit unter 4Std.) dann doch nicht an. Die ersten Kilometer sah ich keine Kilometertafeln und so dachte ich mir –aus der Erfahrung des VCM- , daß der Marathon ja eh erst ab der zweiten Hälfte beginnt. Bei Kilometer 4 lief ich bei einem Geher, der Pacemaker für die 4h-Zeit war. Eigentlich schon ziemlich frustrierend, daß ein Geher so schnell bzw. schneller als viele andere Läufer ist. Mir kam das Tempo recht niedrig vor. Jedoch blieb ich aus Vernunftsgründen in dieser Gruppe. Bei Kilometer 5, kontrollierte ich zum Erstenmal die Zeit. 28min 30sek. à Wow, ich bin um einiges schneller als geplant. Also zurückhalten! Es lief sehr locker in Richtung Spitz/Donau.
Eine Dame die via Kopfhörer Radio hörte, berichtete uns von einem Hubschrauberabsturz in Wössendorf. Also wurde dieses sportliche Großereignis durch einen Unfall überschattet. Wir wußten ja zu diesem Zeitpunkt nicht, daß keine Toten zu beklagen waren.
Ab Kilometer 8 gesellte sich Markus in meine Nähe, der ein Bekannter zweier Kollegen vom Laufklub ist. Wir unterhielten uns einige Zeit und so flogen die Kilometer recht locker dahin. Ab KM 15 begann ich meinen linken hinteren Oberschenkelmuskel leicht zu spüren. Es gesellte sich dann auch noch ein ziehen in der Aduktorengegend dazu. Ich wurde ein wenig nervös. Durch die Unterhaltung mit Markus war ich jedoch abgelenkt und vergaß scheinbar den Schmerz bald wieder. Bei den Verpflegungsstellen trank ich ziemlich regelmäßig und ging bis zum Halbmarathon überhaupt nicht. Wahrscheinlich half mir auch das zwei- oder dreimalige Essen von Bananen gegen die Muskelschmerzen (zumindest psychisch).
Mein Puls war ca. bei 153. Ich empfand ihn als hoch, versuchte ihn aber nicht zu beachten.
Durch die Temporeduktion beim Trinken mußten wir die 4h-Gruppe wieder einholen, was Kraft kostete. Ich dachte mir, wenn ich von dieser Gruppe abgehängt werde, kann ich damit leben, da die ja sowieso schneller laufe als ich vor hatte.
Die Halbmarathonzeit von 1h 59min 07sek spornte mich sehr an. Aber ich wußte der Marathon beginnt jetzt erst. Immer wieder waren Musikkapellen und speziell in den Ortschaften viele Zuschauer am Straßenrand die uns anfeuerten. Ich genoß diese Anfeuerungen sehr. Kurz nach der Halbmarathondistanz schrie eine Zuschauerin: „Super Michi super!“ Ich war etwas überrascht, da ich diese Dame nicht kannte. Kurz danach checkte ich erst, daß die persönlichen Anfeuerungsrufe aus der, mit dem Vornamen versehenen, Startnummer resultierten.
Bei Kilometer 24 (Weißenkirchen) warteten dann meine Eltern mit einer von mir vorbereiteten Verpflegung. Meine Mutter lief ca. 150m mit und wir unterhielten uns ein wenig. Mir ging es noch sehr gut. Auch die Schmerzen in der linken Oberschenkelmuskulatur waren kaum zu spüren.
Aber cirka bei Kilometer 28 passierte es dann: Markus, der für mich als Motivationsfaktor sehr wichtig geworden war, war nicht mehr imstande sich zum Aufschließen zur 4h-Gruppe nach einer Labestation motivieren zu lassen. Ich konnte auch nicht mehr aufschließen, wollte aber doch halbwegs mein Tempo halten. Markus blieb etwas hinter mir und die 4h-Gruppe, war bald nicht mehr zu sehen. Bald nach dem Dürnsteiner-Tunnel war ich dann alleine. Ich wußte, daß jetzt der härteste Teil des Marathons kommen wird und es sah danach aus, daß ich da alleine durch mußte.
Bei Kilometer 30, sagte ich mir, daß es absolut keinen Grund gibt an den Mann mit den Hammer zu denken, da ich einerseits in der Zeit sehr gut lag (2h 52min) und andererseits noch halbwegs frisch war. Weiters motivierte es mich, daß einige Läufer bereits längere Gehpausen einlegten und ich lief ja noch immer halbwegs locker. Noch 4 Kilometer und mein Betreuungsteam (Eltern) würden ja auch wieder für Motivation sorgen. Was würde mir eigentlich jetzt ein Mitläufer helfen, weil unterhalten konnte ich mich sowieso nicht mehr? Überhaupt wurde es stiller in den zum Teil schon sehr zerflederten Laufgruppen.
Ich freute mich dann bei Kilometer 34, daß mich meine Mutter wieder 100m begleitete. Nur reden konnte ich jetzt nicht mehr. Sie gab mir wieder meine zweite Getränkeflasche aus der man besser, als aus den Bechern, trinken konnte.
Mein Puls war nun immer so zwischen 161 und 165. Nun hoffte ich, daß „der Sprit“ reichen würde.
Nach Kilometer 36 eine Versorgungsstelle, bei der ich zum Erstenmal ca. 100m ging. Ich wollte mich durch ein Gespräch mit einem Kärntner ablenken, aber das Reden kostete mir zuviel Kraft. Auch er war still.
Bei Kilometer 37 eine Steigung, die ich hinauftrabte. Zeitmäßig lag ich bei 3h 35min. Nun dachte ich, daß ich schon gerne die 4h 12min schaffen würde.
Kilometer 38: Bei einer Versorgungsstelle schlug ich die angebotenen Getränke mit der Meldung: „Ich habe leider keine Zeit“ ab. Dieser Scherz war nicht wirklich authentisch zu meinen Gefühlen...
Mein Puls war nun deutlich unter 160, da sich mein Tempo stark verringerte, was zeigte, daß der Tank nun schon ziemlich leer war.
Kilometer 39: Ein Pärchen überholte mich. Er betreute sie und sie raunzte ihn voll. Nun war ich doch froh, daß niemand mit mir redete.
Kilometer 40: Ein Läufer, der bereits einige Zeit im Ziel war, meinte ich solle mich anhängen, er bringt uns ins Ziel. Ich versuchte es, aber die Kräfte waren zu diesem Zeitpunkt schon zu gering. Speziell am Kopfsteinpflaster in Krems tat ich mir schwer. Nach einer Rechtskurve kam eine Versorgungsstelle, bei der ich mich gehend (ca. 100m) stärkte. Nun kam die Tafel mit der Aufschrift KM 41. Ich wußte 1,2km, daß ist jetzt dieser Bereich, der mich für alle Qualen entschädigen wird.
Links standen hinter Absperrungen eine Unmenge von Zuschauern die extrem anfeuerten. Es war herrlich. Man kann es nicht wirklich in Worte fassen. Auch wenn ich es hier tippe, werden mir die Augen feucht dabei. Plötzlich meine Mutter (ungeahnter Weise), die wieder ein paar Meter mitlief und „super, super“ schrie. Ich wußte nun, daß ich unter 4h 10min bleiben würde. Die Leute schrieen. Ich erkannte Resi, eine Bekannte.
Ich klatschte einige Leute ab. Nun eine Linkskurve. Verdammt wo ist das Ziel. Plötzlich schrie ein Zuschauer noch eine Kurve. Ich dachte mir, wenn das nicht stimmt, aber dann.
Und wirklich nach der nächsten Linkskurve der Zieleinlauf. Die letzten 50 Meter schaffte ich sicher noch ein 11km/h-Tempo.
Bei 4h 08min 08sek stoppte ich meine Uhr und war überglücklich. Aufgrund des nun abfallenden Blutdruckes, versuchte ich nicht stehen zu bleiben, sondern ging weiter bis zu den Verpflegungstischen, vor denen noch einige Stufen aufwärts und einige abwärts zu bewältigen waren. Bei einem Getränk meinte ein erfahrener Läufer zu mir, daß ich mein Vorhaben am 26.10. (also in 6 Wochen) im Wiener Prater den Herbstmarathon nicht durchziehen solle. Irgendwie war ich froh, daß er das sagte. Nur einen Tag und viele Muskelschmerzen später, begann ich bereits wieder zu überlegen, was ich tun soll. Die 4 Stunden-Grenze bei kühlen Temperaturen wäre sicher einfacher zu knacken als beim VCM im Mai. Man wird sehen.
Nach dem ersten Marathon war ich nicht wirklich stolz auf meine Leistung. Nachdem Wachaumarathon aber sehr wohl.

Wie aber Menschen doppelt so schnell 42,195 km laufen können bleibt mir ein Rätsel!