FLORA LONDON MARATHON 2003

Der Laufbericht von Thomas Rauscher

 

Während des Rennens hat eine Läuferin zu mir gesagt: „It’s an amazing spectacle!“ Ich kann dem nichts mehr hinzufügen.

 

Es ist ein unbeschreibliches Gefühl mit mehr als 33.000 Teilnehmern am Start des London Marathons zu stehen. Vergessen ist die Aufregung und Anspannung der letzten Tage, die Verkühlung, die mir schon die Hoffnung auf meinen Start genommen hat.

 

Heute scheint aber die Sonne, es ist warm und schon jetzt ist mir klar, hier laufen Menschen, die aus diesem Marathon ein Fest machen. Hier zählen Spass, Freude und vor allem durch das Antreten Geld für diverse charitative Einrichtungen wie Kinderkrebshilfe und dergleichen einzulaufen, denn viele der Starter haben ihre Startnummer durch Sammeln von Spenden oder Sponsoren erhalten. So auch ich. Doris, eine liebe Arbeitskollegin, sie ist derzeit bei der Bank of England in London beschäftigt, hat mir erst durch ihren persönlichen Einsatz und sammeln von Spendengelder einen Startplatz ermöglicht. Die Jagd nach Bestzeiten scheint es hier bei den Hobbyläufern nicht zu geben.

 

Den Startbereich in Greenwich erreichen wir relativ bequem mit der DLR (Docklands Light Railway) vom Bahnhof Waterloo aus in 15 Minuten. Von der Station Greenwich müssen wir noch ca. 20 Minuten bis zum Startbereich gehen. Es gibt eine perfekte Infrastruktur mit ausreichenden Umkleidemöglichkeiten, Toiletten und Getränkestationen. Gestartet wird von drei Punkten aus. Der blaue Start ist den Elite-Läufern und Läuferinnen vorbehalten, der grüne Start ist der Bereich für die Rollstuhlfahrer und der rote Start ist für das grosse Feld der, sagen wir, Nicht-Elite-Läufer. Es gibt 9 Zonen, ich starte in Zone 5.

 

9:45. Langsam beginnt sich die Menschenmasse in Bewegung zu setzen. Ich benötige mahr als 5 Minuten, bis ich die Startlinie überlaufe. Die Strecke ist von jubelnden und vor Begeisterung tobenden Schlachtenbummlern gesäumt – und das sollte sich die verbleibenden 26 Meilen (42,2 km) nicht mehr ändern. Erst jetzt erkenne ich, dass viele der Starter mit aufwendigen Kostümen, ganze Obstschüsseln, Super- und Batmänner sind da mitgelaufen, angetreten sind.

 

Ein kurzer Kontrollblick auf meinen Pulsmesser und mir wird klar, dass ich mein persönliches Ziel, den Marathon in einer Zeit mit unter 4 Stunden zu beenden, vergessen muss. Mitlerweile bin ich froh überhaupt dabei zu sein, die Verkühlung steckt mir noch in den Knochen.

 

Mit jedem Schritt schwappt die gute Laune der Läufer und die der Menschen am Strassenrand auf mich über. Die ersten Meilen führen vorbei an lieblichen Einfamilienhäusern durch die Ortsteile Charlton und Woolwich. Aus den umliegenden Pubs ertönt ohrenbetäubende Musik und die Läufer beginnen die Zuseher anzufeuern. Bei Meile 3 treffen nun die Laufstrecken des blauen, grünen und roten Starts zusammen. Ich habe nicht das Gefühl, jemals den Startbereich verlassen zu haben, denn es sind überall Läufer, teilweise Schulter an Schulter. Der erste Höhepunkt ist kurz vor Meile 7. Die Cutty Sark wird auf engster Stelle umlaufen und die Menschenmassen bringen die Stimmung zum erstenmal so richtig zum Kochen.

 

Was mir besonders positiv aufgefallen ist, sind die vielen Verpflegungsstationen. Es gibt mindestens jede Meile Wasser in Halbliterplastikflaschen und alle 3 Meilen isotonische Getränke. Mich hat auch die Disziplin vor den  mobilen Toiletten fasziniert und letztendlich auch die Läufer, die in der Schlange wartend mindestens 5 Minuten je „Boxenstop“ verloren haben.

 

Kurz vor dem Halbmarathon überquere ich die Tower Bridge. Es ist für mich der zweitschönste Augenblick des Marathons, die Stimmung ist nach wie vor unbeschreiblich und die Menschen feuern jeden einzelnen Läufer an. Ich weiss auch, dass ich nach ein paar hundert Meter meine Frau sehen werde, die mir durch ein Küsschen (so viel Zeit muss sein) die Kraft für die zweite Hälfte des Marathons geben wird. Hier kommen mir nun schon auf eine Länge von etwa einer Meile bereits die Eliteläufer entgegen. Für sie brechen schon die letzten 4 Meilen an, für mich stehen noch 13 Meilen aus.

 

Der Streckenverlauf bringt uns nach Canary Wharf, das neue Bankenviertel. Es ist wieder einer der atemberaubenden Augenblicke des Rennens. Vor mir strecken sich die Bürotürme der HSBC und Citibank empor. Normalerweise sind an einem Sonntag kaum Menschen in dieser Gegend, die von Büros beherrscht wird, aber heute ist ja ein besonderer Tag. Es ist London Marathon, und  ich bin dabei. Wieder jubeln tausende Menschen den Läufern zu. Vor mir sehe ich einen blinden Läufer, Keith steht auf seinem Laufshirt, der sich mit seinem Partner dieser Herausforderung stellt. Ich bin beeindruckt.

 

Es geht weiter Richtung Crossharbour, vorbei an der London Arena, wo ich am Freitag meine Startnummer und den Chip für die Zeitmessung abgeholt habe. Es ging alles sehr problemlos und vor allem ohne lange Wartezeiten. Es ist mir auch aufgefallen, dass die Menschen bei der Startnummernausgabe sehr freundlich und hilfsbereit waren. Ich hatte auch noch ausreichend Gelegenheit die Marathonmesse zu besuchen. Die Möglichkeit einer kostenlosen muskelkatervorbeugenden Massage habe ich dort nicht in Anspruch genommen.

 

Die Gedanken an das Erlebte lassen mich den Lauf für einige Minuten vergessen.  Nun bin ich schon bei Meile 19, das entspricht doch schon mehr als 30 km und die Beine melden sich schön langsam. Die Stimmung ist aber noch immer gewaltig und die Zuseher werden des Anfeuerns nicht müde. Die Menschen am Strassenrand strecken den Läufern Obst und Süssigkeiten entgegen, und tun so ihr Bestmöglichstes die Motivation am Laufen aufrecht zu halten.

 

Ich komme zum „Gegenverkehrsabschnitt“ und es kommen mir noch immer Läufer entgegen und das nach mehr als 4 Stunden! Da kommen 6 Leute, die ein Schlauchboot schleppen, verkleidete Polizisten, ein Indianerstamm und Cowboys. Und eines vereint alle. Sie lachen, sind guter Laune und machen Karneval und ein Volksfest aus diesem Marathon, bei dem vor zwei Stunden Paula Radcliffe den Damenweltrekord in 2:15:25 Stunden gelaufen ist, oder gerade deswegen.

 

Nun beginnt für mich der schönste Teil des Marathons. Ich laufe am Tower von London vorbei, entlang der Themse. Laufen? Nein, laufen kann ich jetzt nicht sagen, es ist zu eng und viele der Läufer legen auf dem Kopfsteinpflaster eine Gehpause ein, ich versuche trotzdem nicht stehen zu bleiben und irgendwie an den Massen vorbei zu kommen.

 

Weiter geht es am Victoria Embankment und Strassenrand ist nach wie vor von zehntausenden Menschen und ihren nicht enden wollenden Anfeuerungsrufen gesäumt. Von Weitem kann ich schon Westminster und Big Ben sehen. Und jetzt weiss ich warum ich die letzten Monate bei Minusgraden fünf Mal in der Woche trainiert habe. Ich habe das für diesen Augenblick gemacht. Ich bin überwältigt, es ist der Lohn eines Läufers, und das Schönste ist für mich, dass ich dabei sein kann. Es zählt heute nicht die erreichte Zeit, es zählt das Glück, die Freude, dass ich mir diesen Lauftraum erfüllen konnte.

 

Kurz vor dem Ziel höre ich noch die Stimme meiner Frau mit den letzten Anfeuerungsrufen und ich weiss, dass ich es geschafft habe. Vorbei am Buckingham Palace erreiche ich das Ziel im St. Jame’s Park in einer Zeit von 4:33:00.

 

Auf dem Finisher-Shirt ist zu lesen:

„Flora London Marathon 2003 – Finisher – that’s the difference between us“.

 

It was really an amazing spectacle! London Marathon, I’m looking forward beeing a part of you in 2004. Maybe!