Marathon anders gesehen – erlebt in Hamburg von Polena Heinz

 

 

Rund 300.000 Zuschauer, z.T. dichtgedrängt in 4-5 Reihen, dies war die imposante Kulisse beim diesjährigen Hamburg-Marathon. Für mich eine gute Gelegenheit diesen Lauf unter ein bestimmtes Motto zu stellen, nämlich das Publikum zu beobachten, auf dieses zugehen, es einfach zu genießen.

 

Mein sportliches Ziel (im Hintergrund) war die 6 Minutenzeit je Kilometer und vor allem keinen „Wandertag“ einzulegen, sondern die 42 km wirklich durchzulaufen.

 

Wer sind nun diese Menschen die sich stundenlang an den Straßenrand stellen, um anderen bei deren Vergnügen (?) zuzusehen. Alle Altersgruppen sind vertreten – vom noch  Ungeborenen bis ins hohe Alter, aussehensmäßig vom Spaghetti = unterernährt, bis zum Radiergummi = wohlbeleibt. Und fast alle blicken gespannt auf das vorbeilaufende Läuferfeld. Plötzlich im Publikum ein Jubelschrei, ihr Liebling wurde in der Masse entdeckt. Luftsprünge, überschwängliche Freude, Rufe, gezückte Kameras, usw. sind die Folge. Solche Szenen wirken für mich immer ansteckend, ich lache innerlich mit und freue mich bereits auf km 40, denn dort werde auch ich von Evelyne erwartet.

 

Nachdenklich werde ich bei Zuschauern die im Rollstuhl sitzen oder eine sichtbare Behinderung haben. Da kommen bei mir stets die Gedanken durch, wie unwichtig vieles im Leben ist und man dankbar sein soll,  noch gehen und sogar laufen zu können.

 

Für mich wichtig ist auch die Kontaktaufnahme mit dem Publikum. Ein während des Laufes zur Seite gerufenes Danke, ein applaudieren, ein verbeugen, ein Lächeln, dies alles kommt uns Läufern dann mehrfach wieder zurück.

 

Besonders angetan haben es mir die ausgestreckten Hände der Kinder zum „abklatschen“. Ein achtloses Vorbeilaufen ist für mich fast nicht möglich, die Freude in den Augen dieser Kinder zu sehen ist mir wichtiger als ein paar gewonnene Sekunden.

 

Rührend auch die privaten Verpflegsstationen. Hier gibt es die tollsten Angebote. Vom Bier über Sekt, Schnitten, Kuchen und sogar Kaugummis umfasst dieses Sortiment.

 

Ein eigenes und für mich das unterhaltsamste Kapitel sind die vielen Transparente die uns Läufern entgegengehalten werden. Da kann man u.a. erfahren welche verschiedene Vornamen es eigentlich geben kann, jedoch dies wird noch weit übertroffen von den angeführten Kosenamen. Eine wahre Fundgrube für alle Verliebten und eine gute Nachhilfe für alle die so etwas bereits vergessen haben. Vom Bussibär bis zur Zuckermaus, ein wahres Lexikon an Zärtlichkeiten tut sich vor einem auf. Mein „Favorit“ unter allen war aber ein einfaches alles aussagendes „Deine Startnummer 15. ....  ist mir egal, für mich bist Du die Nr.1“.

 

Aber auch Anfeuerungsparolen, Sprüche, u.ä. zierten den Streckenrand. „Ihr seid die Besten“,

„In Hamburg sind alle Sieger“, „Danke den Läufern für eine autofreie Saarlandstraße“, „selber schuld, laufe weiter“, „nur mehr .... km bis ins Ziel“, ist nur eine kleine Auswahl.

 

Die Norddeutschen haben eigentlich den Ruf ein kühles, nüchternes Volk zu sein. Bei diesem Marathon wurde ich jedoch eines Besseren belehrt. Lautstark, mit Trompeten, Ratschen, Trillerpfeiferln, Trommeln und ähnlichen Lärminstrumenten, oder mit überlaut eingestellten Radios ließen sie ihrer Begeisterung an diesem Marathon freien Lauf.

 

„Die Sonne scheint und lacht, Läufer lacht alle mit ihr mit“. Eine junge Dame bei km 23 wurde nicht müde dies uns wiederholt entgegenzurufen.

 

Es war für mich faszinierend diesen Lauf gemeinsam mit dem Publikum zu absolvieren. Die Gedanken über die eigene Müdigkeit werden dabei völlig verdrängt und man wundert sich schließlich bereits bei km 36, 37 .... zu sein.

 

Bei km 40 kam dann für mich mein großes Erlebnis. Ein (mehrere) verschwitztes, salziges „Bussi“ mit meiner Evelyne, aufmunternde Worte und dann freute ich mich auf den Zieleinlauf.

 

4.15.52 Std. – ich war rundum zufrieden. „Schön war`s“ und beinahe hätte ich es bedauert, dass dieser Lauf bereits zu Ende war.

 

Ich mischte mich unter die 15.588 Finisher – es war übrigens nach New York, London, Hawaii und Paris mein fünftgrößter Marathon an Zielankünften – und genoß den Trubel, sowie die tolle Stimmung im Zielbereich. Ich selber war glücklich und auch ein wenig stolz es wieder geschafft zu haben. Und jetzt freute ich mich ganz besonders auf die nächsten Tage, denn Marathon verbinde ich immer mit einem anschließenden Urlaub.

 

Mit Evelyne verbrachte ich eine wunderschöne Woche in Hamburg, Lübeck, Cuxhafen und

dann noch an der Ostsee.

 

So schön kann ein Marathonlauf sein und ich freue mich bereits auf den nächsten, den ich sicher wieder unter „ein Motto stellen werden“.