Vienna City Marathon 2003

ein Hasenbericht von Brigitte Hornyik

 

25. Mai 2003: Ein strahlender Frühlingsmorgen, 20 Grad schon beim Frühstück auf der Terrasse. Es ist erst sieben, und weil ich ja Göttin sei Dank nach 10 Jahren Langstrecke und sieben Marathons allein in Wien heuer keinen Marathon laufen muss, kann ich mir Zeit lassen, Tee trinken, gemütlich frühstücken. Dann eine SMS an Gerlinde, die zu diesem Zeitpunkt schon im Zug sitzt, aber ihr Handy eh nicht dabei hat. Macht nix, war ja nur ein Versuch. Mit ihr bin ich beim "30er" verabredet, werde vielleicht mitlaufen, wenn sie mich brauchen kann. Um neun Uhr dann gemütlicher Aufbruch, mit dem Auto über den Flötzersteig (Wiental ist ja von den Marathoniken besetzt) zum Parlament - jede Menge Parkplätze zu meiner Überraschung, 25 Minuten Fahrzeit. Dann zum Heldenplatz, Lokalaugenschein des Zielraums, und siehe da: die geballte African Power kommt grad über den Ring - einfach unglaublich! Dann mit der U1 in den Prater, aufwärmen in der Allee - und wer kommt daher? Wieder die afrikanische Spitzentruppe! Und gar nicht soweit dahinter das erste LC Wienerwaldsee-Leiberl: Der unschlagbare Werner! Freundlich lächelnd, zurückgrüßend, - wie macht er das bloß bei dem Tempo? Soviel Marathon hab ich natürlich nie gesehen, wie denn, hab mich ja immer irgendwo mitgeschleppt unter den tausenden Heldinnen und Helden des Volkslaufes. Jetzt bin ich selber schon ein bissl high von soviel Lauf-Event, jogge gemütlich zu KM 26, feuere alle Ladies an, sehe viele Leute, auch die Monika Gasser, die ich noch von früher kenne, nur leider unseren Rudi nicht, obwohl der direkt an mir vorbeigelaufen sein muss. Dann - total im Zeitplan für unter vier Stunden - erstmals Gerlinde: Ruhig, gleichmäßig, kaum verschwitzt - ??? Immerhin hat es mittlerweilen 27 Grad! Ein bissl schweigsamer als sonst, aber alles im grünen Bereich. Ich lauf ein Stückl mit, geb ihr kurz das "Flascherl", und wünsch mir bei KM 27, sie in genau 16 Minuten und 30 Sekunden beim "30er" wiederzusehen. Dann seh ich noch den Thomsch, in Begleitung des gut getarnten "Zeki" (sorry, aber ich hab Dich fast nicht erkannt!), und Margret; alle knapp hintereinander. Mein Flascherl kreist, aber wir sind ja alle sooo xund, da werden schon keine bösen Bazillen dabei sein, hoffentlich. Dann quer rüber zur 30 KM-Tafel, ich darf ja abkürzen! Gerlinde kommt pünktlich, und dann beginnt mein eigentlicher Hasen-Lauf: Ich versuch, Tempo zu halten (ab 30 wird's überhaupt bei der Hitze schon verdammt schwer), rechne dauernd mit, ob sich das unter-vier-Stunden-Limit eh ausgeht, und blödel vor mich hin, um meine Marathon-Frau aufzuheitern und abzulenken. Das Flascherl wird immer wichtiger, ich füll es auch zweimal nach, damit wir genug haben, und an den Verpflegstationen nicht zuviel Zeit verplempern. G'schichtln drucken, Schmäh-Führen, Tipps über die Strecke geben, besonders wichtig: Strecke in einzelne Abschnitte zerlegen, Teil-Ziele vorgeben, Tempo halten, aber auch mal nachgeben, wenn's schwierig wird: zB so bei KM 37, 38; aber dann ist es fast vorbei, die Landstraße runter, Einbiegen in den Ring: Nur manchmal noch ein paar Fön-Böen aus Südost (sehr charmant, dass es ausgerechnet an diesem Tag nicht nur 30 Grad im Schatten, sondern auch noch stärker werdenden Südost-Fön haben musste - und das bei einer klassischen Westwind-Strecke wie Wien!!) Gerlinde neben mir zwar nach wie vor schweigsam, aber wie ein Uhrwerk: Keinen Moment Zweifel an sich und dem Ziel, frisst Schritt für Schritt jeden Kilometer und dann ist es klar: Es geht sich aus!!! Jubel, vorläufig noch innerlich. Zuerst will ich sie dann am Ring vor dem Heldentor allein lassen, sag ihr noch, sie soll anreißen, es geht sich aus, und es ist ihr Sieg, und den soll sie ganz allein genießen! Aber dann fällt mir ein: Oije, der riesige Zielraum (Lokalaugenschein in der Früh war doch zu was gut), und vielleicht ist sie ja doch ein bissl müd, auch wenn es nicht danach aussieht, und die Sonne knallt runter, und niemand darf von außen rein; also kurzerhand über den Heldenplatz gekoffert, rechts vorbei an der Ziellinie und gleich wieder zu unserer Marathon-Frau: Kein Mensch im Ziel kümmert sich um die vielen Marathonikis, von denen es einigen nach vier Stunden Hitzeschlacht doch nicht mehr so ganz gut geht; die Verpflegstände im nirgendwo, hinten im inneren Burghof in der prallen Sonne, keine Kohlehydrate, nur sonnengebräunte Bananenstückeln, Orangen, Mineralwasser (aber nur becherweise, Flaschen dürfen nicht herausgerückt werden!), Elektrolyte; einige liegen im Schatten des inneren Heldentores am Boden, keiner kümmert sich drum. Danke an die Veranstalter, dass euch die Volksläufer, die viel zahlen, und den VCM erst zu dem Großereignis machen, das er ist, so am Herzen liegen! Meine Marathon-Heldin (3 h 58 min, und das bei der Hitze, die sicher mindestens 15 Minuten gekostet hat! - ich freu mich riesig!) platziert sich inzwischen dekorativ in den Schatten, ich spiele "Kellnerin": Schleppe becherweise Getränke und Orangen für Gerlinde und zwei andere Läufer, die halt auch lieber im Schatten bleiben, anstatt nach 42 km durch den glühenden Burghof auf Getränkejagd zu gehen, an; Gerlinde erholt sich Göttin sei Dank gleich wieder, bestellt sogar noch ein Foto von uns zweien, und wir treten gemeinsam unsere Wanderung durch Zielraum und zu den Kleiderbussen, die sinnigerweise wieder ganz draußen am Ring stationiert sind, an; die Veranstalter denken mit, ohne Auslaufen oder Ausgehen kein G'wand, die Läufer-Prozession schleppt sich auch nach 42 KM noch tapfer weiter, auf der Fahndung nach bekannten Gesichtern, dem eigenen G'wand-Sackl, den wandernden Müsli-Riegeln, die angeblich irgendwo beim Volksgarten unterwegs sind: Lustig, so eine Rätselrallye, überhaupt nach einem Marathon! Aber Gerlinde hält auch das noch eisern durch, jetzt siegt wahrscheinlich doch langsam das Glücksgefühl über die erste Müdigkeit und Leere gleich nach der Ziellinie: Und dann treffen wir auch alle wieder: Die ganze Familie Rauscher, Margret, und ganz draußen am Ring endlich Gerlindes Tochter Lisa, Sonja und natürlich alle unsere Datlers: die haben alle toll angefeuert - wie Lisa, die sich beim Hoppauf-Schreien sichtlich verausgabt hat -, fotografiert, Kinderbetreuung übernommen und Informationen gesammelt, wie's den Vereins-Leuten so ergangen ist. Wir erfahren, dass Karin noch unterwegs ist, im Auto beim Heimfahren dann übers SMS-Service, dass auch sie es geschafft hat. Ich liefer Gerlinde, Lisa und Sonja noch zu Hause ab, und dann ist der Marathon auch für mich vorbei: Gratulation an alle, besonders natürlich an Gerlinde, und Danke auch dafür, dass ich den Marathon mal ganz anders erleben durfte. Schön war's!

lg, brigitte