Laufbericht Vienna City Marathon
25-05-2003

von Michael Thaler

 

Vor dem Start:

Nach einer sehr langen Vorbereitung sollte es also am 25.05.2003 mit meinem ersten Marathon los gehen. Am Tag davor war bereits klar, dass der Wettergott auf Sauna gestellt haben wird. Bei meinem zweiten Laktattest wurde mir ein Trainingsplan ausgehändigt und besprochen, der eine Zielzeit von 3h 45min bedeuten würde. Aufgrund der erwarteten Wetterbedingungen und meiner Unerfahrenheit, legte ich meine Zielzeit für mich selbst auf 4h 12min fest (=6min/km). Ich war schon Tage zuvor ziemlich nervös bei dem Gedanken meinen ersten Marathon zu laufen. Auch das Forum der Homepage des VCM brachte mir sehr viele Infos zu den bevorstehenden Lauf, da ich ja vorwiegend alleine trainierte. Hin und wieder gesellte sich meine Freundin (Halbmarathonfinisherin) zu meinen Läufen dazu. Das Einschlafen vor dem großen Tag, war erwartungsgemäß langwierig. Ich muß gegen 23:30 eingeschlafen sein. Um bereits 05:45 –also früher als an einem Arbeitstag– läutete mein Wecker. Nach einem Powerbarriegel (Kohlenhydrate), einer Banane und 0,5l Wasser um 06:00, zog ich meine vorbereitete Dress an und vergewisserte mich auf der Homepage vom VCM noch einmal über Neuigkeiten, wie zum Beispiel, dass für 13h bereits 30 Grad erwartet werden. Ein kalter Schauer lief über meinen Rücken. Nach 07:00 fuhr ich von Purkersdorf zum Westbahnhof um dort mein Auto abzustellen und mit der U-Bahn weiter zur Alten Donau zu fahren. In der U-Bahn erwartungsgemäß ein „ONE-Sackerl“ neben dem anderen. Also lauter Marathonis. Es war schon hier ein gewisses Zusammengehörigkeitsgefühl zu spüren. Um 08:00 war ich beim Startbereich wo ich rasch meinen Kleider-LKW fand. Vor der Sackerlabgabe noch jeweils zweimal einen halben Powerbarriegel und 0,25l. Wasser. Ohne Sackerl, nur mit einer Wegwerfflasche(Elektrolytgetränk) bewaffnet, begab ich mich in den Startbereich, wo ich in einer Seitengasse spazieren ging. Was war mit meinem Puls los? Ich hatte bei langsamen gehen bereits 100 HF (normal: ~80 HF). Aus dem Forum wusste ich, dass man bei solch einem Wettkampf dem Puls am Anfang keinen großen Stellenwert geben sollte, da die Nervosität die Herzfrequenz hinauftreibt. In der kleinen Seitengasse konnte ich mehrere Läufer beobachten, die sich schon vor dem Start durch dehnen und laufen „verausgabten“. Wohlgemerkt: Anhand der Startnummer erkannte ich, dass es sich um 42,195km-Bewältiger handelte.

Noch 15min.:                      Ein paar Dehnungsübungen und 100-150m. laufen.

Noch 10min.:                      Ich komme gar nicht mehr in meinen Startblock vor lauter
                                    Menschenmassen hinein!

Startschuss:

Noch tut sich gar nichts. Schön langsam beginnen wir zu gehen und nach ca. 4min langsam zu laufen. Nach 5min. 29sek., dann endlich die Startlinie. Ein kurzer Drücker auf meine Pulsuhr und es kann los gehen. (Puls: 120) Menschenmassen bewegten sich in Richtung Reichsbrücke. Man konnte kaum „sein“ Tempo laufen, da viele im Weg waren. Bei 25000 Startern ist dies ja kein Wunder.

KM 01: Ich sah auf meiner Uhr, dass ich 06:20 dafür brauchte und der Puls auf 148 „entgleitete“. Bei diesem Tempo habe ich normal auf dem ersten Laufkilometer einen Puls von 123!!! „Na gut, Puls ist ja wurscht“, sagte ich mir. Auf der Reichsbrücke lief ich grüßend an einer Kollegin (Sonja vom LC Wienerwaldsee) vorbei. Sie lief den Fernwärmelauf.

KM 02: Nun war ich auf 12min. was mir gut gefiel nur der Puls befand sich auf 150! Am Strassenrand sah ich Eveline (eine Bekannte), die die Läufer voller Enthusiasmus anfeuerte.

KM 04: Kurz nach dem Beginn der Ringstrasse sah ich eine Versorgungsstelle, die ich zielstrebig ansteuerte. Bei diesen Temperaturen sollte man ja sehr viel trinken. Nur leider gab es dort nichts mehr.

KM 05: Bei der folgenden Labestelle nahmen wir uns einfach die Mineralwasserflaschen um daraus ein paar Schlucke zu trinken. Die Organisation war scheinbar nur für die Spitzenläufer abgestimmt. Nun ging es weiter auf der Wienzeile  in Richtung Westen. Die ersten 15km kannte ich bereits, da ich 2002 am Fernwärmelauf teilnahm.

KM 10:  Die Zeit von 1h 00min 48sek. war für mich okay, der Puls von 160 aber absolut nicht. Deshalb legte ich eine Gehpause zur Flüssigkeitsaufnahme bei der Labestelle ein. Hier lief ich an Patricia (eine Kollegin) vorbei. Auf der Mariahilferstrasse ging es dann angenehm bergab. Bei der Gürtelüberquerung beklatschten uns unter anderen zwei Nonnen. Überhaupt war die Stimmung auf der inneren Mariahilferstrasse super. Es ging bergab, die Leute klatschten = herrlich. Dann kamen wir wieder zum Ring. Nun war die Trennung Marathon und Fernwärmelauf, was mich ein wenig stolz machte. Ich wusste nun, dass ich noch ca. 3-4 km hatte bis ich meine Eltern zum ersten Mal antreffen würde. Den Ring entlang gelaufen bogen wir links in die Lichtensteinstrasse ein, wo mich eine Läuferin schnitt und mich noch anmeckerte. Was ich mir dachte, kann man sich ja vorstellen. Die Lichtensteinstrasse ging ziemlich bergauf und mir fiel ein, dass ich mir die Sehenswürdigkeiten am Ring nicht angesehen habe. Naja, ich kenn´s ja eh.

KM 18: Nicht mehr weit zu meinen Eltern und es geht noch immer bergauf bei einem Puls von 161 laufe ich knappe 6min/km. Endlich sehe ich meine Eltern. Zu diesem Zeitpunkt dachte ich, dass ich mich wahrscheinlich noch nie so gefreut habe sie zu sehen wie jetzt. Aber die weitere Strecke wird mich eines besseren belehren. Mein Vater schießt ein Foto und sie reichen mir Wasser. Herrlich! Nach einem kurzen Stopp lief ich schon wieder weiter. Mein Vater rief noch im Prater sehen wir uns wieder. Nach der Spittelau ging es bergab. Übrigens lag Moses Tanui zu diesem Zeitpunkt nicht mehr auf der Straße. Nach einem nur sehr kurzen Bergabstück, war kein Schatten mehr da. Nach der Donaukanalüberquerung kam die nächste Versorgungsstelle. Im gehen nahm ich Flüssigkeit auf (Wasser und Iso).

KM 20: 2h 02min 18sek bei Puls 164 (wow) Ich dachte, dass ich zwar ein wenig unter meinen Vorstellungen lag, diese aber vielleicht am Schluss ja aufholen kann.

Meine Halbmarathonzeit betrug 2h 09min 49sek. Mir fiel ein, dass meine HM-Bestzeit 23min. schneller ist. Na egal, es geht weiter links vom Donaukanal in Richtung Süden mit Gegenwind und ohne Schatten. Nun gesellte ich mich zu den anderen Läufern, die schon fast alle am Gehsteig liefen um ein bisschen Schatten zu ergattern. Zuerst wollte ich dieses Gedränge nicht, aber es war viel besser als die pralle Sonne. Ich empfand dies als sehr kräfteraubend.

KM 25: Zuvor bogen wir links in die Rustenschacherallee ein. Durchgangszeit war bereits mehr als 5min. über meinem Plan. Da es immer härter wurde, dachte ich mir „egal dann strebe ich halt unter 4h 30min an“. Bei der nächsten Labestelle ging ich ein paar Meter mit zwei Becher. Das Härteste war nun für mich wieder mit dem Laufen anzufangen. Nach ca. 50m begann ich wieder. Nun ging es auf die Hauptallee. Da ich meine Eltern bei KM 28 erhoffte ging es nun ganz gut dahin. Die Bäume spendeten Schatten, der aber trotzdem beachtliche 29 Grad hatte.

KM 28: Und wirklich kurz vor der Markierung standen meine „Betreuer“ mit Wasser und Handtuch bereit. Nun meinte ich zum Erstenmal, dass ich mein Zeitziel in den Wind geschrieben habe und nur durchkommen möchte. Sie richteten mir einen schönen Gruß von meiner Freundin Tanja aus und schon gab ich wieder Gas. Wieder sah ich eine Kollegin am Straßenrand im Prater. Bis zum Schweizerhaus ging es ganz gut. Nur dann beim Messegelände tat ich mir sehr hart und war glücklich über die nächste Versorgungsstelle. Im Gehen trank ich wieder zwei Becher. Das wieder beginnen mit den Laufschritten fiel mir erneut sehr schwer. Endlich setzte ich meinen übergewichtigen Körper in Bewegung und passierte nach 3h 13min den 30er. Ich lief und dachte, ist das jetzt der große Hammer? Wahrscheinlich war er es. Es kamen mir Gedanken wie „in Algerien sterben 200 Menschen bei einem Erdbeben und ich laufe einen Marathon, ist die Welt nicht gestört?“. Auf der Meiereistraße liefen wieder alle am Gehweg im Schatten, da die Sonne unerträglich war. Das mir auf der Gegenseite die Läufer entgegenkamen empfand ich als frustrierend.

KM 31: Ich beginne –zum Erstenmal ohne den Grund des Trinkens als Ausrede zu haben– zu gehen. Ca. 250m später, als es wieder wendete zur Hauptallee zurück, begann ich wieder mit dem Laufen. Nach de Einbiegung in die Hauptalle begann ich wieder zu gehen. Es war frustrierend zu wissen, dass es nun zum Lusthaus und wieder zurück geht. Da fiel mir zum Erstenmal auf, dass sich meine Probleme nur im Kopf abspielen, da ich muskulär vollkommen in Ordnung war. Das gab mir den Kick wieder mit dem Laufen zu beginnen.

KM 33: 3h 40min. / Puls durch gehen auf 133 gedrückt. Plötzlich sehe ich Katharina (auch vom LC Wienerwaldsee), am Rand gehen. Das hieß sie war vor mir!!! Sie sah mich und begann mitzulaufen. Wir erfrischten uns kurz vor dem Lusthaus mit kühlem Wasser. Sie schien plötzlich so motiviert zu sein, daß ich sie schon bald, nämlich bei KM 35, ziehen lassen musste. àSHIT

Ein weiteres Ziel wäre jetzt nur noch unter 4h 50min zu bleiben, dass wäre eine Zeit, die ein früherer Freund von mir vor einigen Jahren gelaufen ist. Zu diesem Zeitpunkt dachte ich: „Wird schwer werden!“

KM 35: 3H 57min /Puls durch gehen auf 139 gedrückt. Ich spürte, dass an dieser Stelle mein Sprit aus war. Die Glycogenspeicher waren leer. Ein Kohlenhydratriegel hätte nun wahrscheinlich geholfen. Ich lief wieder und musste daran denken, dass in ca. 3-4km meine Eltern mit meiner Freundin noch einmal auf mich warten würden, die sich wahrscheinlich schon Sorgen machen was mit mir denn los ist. Das gab mir Power und ich lief wieder die Stadionallee hinauf bis zur Stadionbrücke. Über die Brücke ging ich, da ich durch laufen leichtes Kopfweh bekam. Da sah ich ein Schild, dass mich sehr berührte:

„DER SCHMERZ GEHT, DER STOLZ BLEIBT!“

Man möchte es nicht glauben, aber dieses Schild half. Ich lief nun neben einem Läufer aus Laa an der Thaya, mit dem ich mich (zum erstenmal bei diesem MT) unterhielt. Mir wurde klar, das mitsammen laufen immer leichter als alleine ist. Deshalb nahm ich mir an dieser Stelle vor mich beim Laufclub (LCW) einzuschreiben um die langen Trainingsläufe nicht mehr alleine zurücklegen zu müssen. Als wir uns unterhielten kam auch schon der Kardinal Nagl Platz, wo Tanja und meine Eltern warteten. Mein Vater schoss ein paar Fotos, meine Mutter hielt sich im Hintergrund und meine Maus ging mit mir ein paar aufmunternde Worte verlierend ca. 100m. („nicht stehenbleiben / du bist super,....)

KM 39: 4h 39 min. / 155 Puls Die Erdbergstraße scheint nun steiler als je zuvor zu sein. Sie erscheint mir fast überhängend. Als ich mich einmal umdreht beruhigte mich ein Zuseher mit den Worten: „Bist eh net letzter!“ Viele schrien, dass es jetzt eh nicht mehr weit sei. Ein kleines Stück ging ich wieder in Richtung Stubenbrücke. Über die Stubenbrücke lief ich zu einem Versorgungsstand, wo ich wieder Flüssigkeit aufnahm. Ich denke durch das viele Trinken, war ich den Umständen entsprechend gut hydriert. Ein weiterer Vorteil war, dass ich in den letzten drei Wochen vor dem Event bereits täglich fünf Liter getrunken habe. Daher hatte ich muskulär überhaupt keine Probleme. Auf der Ringstraße fühlte ich mich ziemlich alleine, da fiel mir auf, dass alle anderen links im Schatten liefen, nur ich lief alleine rechts in der prallen Sonne. Dies war wohl eine geistige Fehlleistung, die ich auf den Glycogenmangel zurückführe. Es zahlte sich nun auch nicht mehr aus die Straßenseite zu wechseln. Ich lief weiter bis zum Schwarzenbergplatz, wo ich wieder ein Stück ging.

KM 41: 4h 51min / Puls 146 Mein Ziel nun natürlich die 5H. Ich begann nach 100m wieder zu laufen. Ich lief durch das Duschzelt, dass mich noch ein letztes mal ein wenig erfrischte. Endlich kam die Stelle, wo ich rechts einzubiegen hatte zum Heldentor und dem dahinter befindlichen Heldenplatz. Ich sah auf die Uhr. Das wird knapp!!! Nun musste ich um die 5h zu schaffen sogar noch einen Endspurt einlegen. Die Zuschauer jubelten, aber es war nach dem Heldentor noch weit (ca. 100m). Kurz ballte ich die Faust und freute mich ein wenig. Aber das „Ganslhautgefühl“ blieb aus. Das Ziel passierte ich mit einer Zeit von 4h 59min 50sek. Es wurde fotografiert, aber ich ging weiter. Ich sagte zu mir nur nicht stehenbleiben (keine Ahnung warum). Ein Bub gab mir meine Medaille mit den Worten „Gratuliere Michael“. Das „persönliche“ fand ich sehr nett. Ich bedanket mich und ging weiter zu den Tischen mit Getränken. Ich fragte eine Mitarbeiterin beim Versorgungsstand, wo ich isotonisches finde. Sie entgegnete, dass ich direkt davor stehe. Scheinbar war ich doch schon ziemlich am Sand. Nach 10min. sitzen fühlte ich mich besser. Ich stand auf und aß eine Banane und eine Orange. Da fanden mich auch schon Tanja und meine Mutter. Sie sagten mir meine genaue Zeit und gratulierten. Nur, ich fühlte mich nicht super, da ich mein Ziel nicht erreichte. Körperlich ging es mir nach wenigen Minuten wieder ziemlich gut. Mein Vater, der mich daheim leicht massierte meinte, daß meine Muskeln nach diesem Marathon auch nicht extrem schlecht beieinander sind.

Ich denke mein Fehler war definitiv mir eine Zeitvorgabe zu nehmen. Dadurch war das immer wieder kolportierte Glücksgefühl nicht entsprechend.

Nach drei lauflosen Tagen war ich schon wieder voller Freude auf meine erste Wienerwaldseerunde, bei der es mir SUPER ging (30min.).

Nun gibt es ein neues Ziel: Der Wachaumarathon, da ich denke, daß es mitte September nicht so heiß werden wird. Schlechter wird es mir ja wohl nicht gehen, da viele erfahrene Marathonläufer die Bedingungen beim VCM als extrem definierten. Ich bin also im Endeffekt doch sehr froh nun ein Marathoner zu sein!