SWISS ALPINE   -   Davos am 27.Juli 2002

(von Heinz Polena)

K 78

 

HINAUSGEHEN  UM  HEIMZUKOMMEN“

Reinhold Messner

 

An diesen Ausspruch des Extrembergsteigers habe ich mich nach der Bewältigung der 78,5 km, bei einer Höhendifferenz von +/- 2.320 m erinnert. Und - aus meiner Sicht gesehen – es ist es wirklich wert „hinauszugehen“, zu starten um „heimzukommen“, das Ziel zu erreichen. Hoffnung, Zuversicht, Resignation, Verzweiflung, Schmerzen, dies alles weicht und ist vergessen wenn man heimgekommen ist. Die Freude über den Erfolg, über die erbrachte eigene Leistung, die Zufriedenheit, dies alles kann man sich für viel Geld nicht kaufen. Um dies erleben zu dürfen   m u s s   man hinausgehen.

 

Gedanklich habe ich mich über einige Wochen hindurch langsam an diesen Ultralauf (lt. Veranstalter ist der K 78 der größte Ultra-Berglauf der Welt) herangetastet, endgültig entschieden einige Tage vorher, angemeldet erst am Vortag.

 

Bei unserer Ankunft in Davos am Donnerstag unwirtliche 7 Grad, Regen, ein Wetter um „hinter den Ofen“ zu bleiben. Für den Lauftag am Samstag war jedoch Besserung angesagt und tatsächlich, Kaiserwetter, angenehme Temperatur, ideale Voraussetzungen.

 

Auch diesmal die üblichen Startvorbereitungen, trotzdem ist heute alles irgendwie anders. Für mich ist es der insgesamt 250. Bewerbslauf (seit 1989) und der 10.Ultra. Ich wollte für dieses „Jubiläum“ etwas besonderes und jetzt war es soweit. Zweifel kamen auf ob ich es wirklich schaffen kann. Als Wiederholungstäter –ich war bereits 1997 beim Swiss Alpine dabei, damals ca. 67 km bei teilweise anderer Streckenführung – wusste ich in etwa was auf mich zukommen würde. Daher war meine Zielsetzung langsam zu beginnen, den eigenen Rhythmus finden, keine Panik wenn die Zwischenzeiten nicht stimmen, positiv denken, Zeit egal unter Beachtung des 12 Stundenlimits.

 

Mit den Wünschen, etc. von Evelyne gestärkt, begab ich mich auf die Laufbahn des Davoser Stadions zum Start – Aufstellung selbstverständlich in den „hinteren Regionen“ Um 8 Uhr ging es stimmungsvoll bei viel Publikum und aufpeitschender Musik los. Durchschnittlich rund 9 Minuten pro Kilometer durfte ich brauchen um das Ziel – wiederum hier im Stadion – zwölf Stunden später zu erreichen.  Optimistisch dies zu schaffen legte ich „die ersten Meter“ zurück.

 

Start  bis  KM 10 „Einlaufen“ ist die Devise. Eine Runde durch die Strassen von Davos, überall viel Publikum, großartige Stimmung, dann geht es hinaus. Die erste Steigung nach 6 Kilometern in Lengmatte stellt kein Problem dar. „Dies ist die schönste Laufstrecke der Welt“ höre ich neben mir einen älteren Läufer zu seiner Begleitung sagen. Ich konnte dem (noch) beipflichten. Die 10 km Marke passiere ich nach 65 Minuten. Ich bin zufrieden.

 

KM 11  bis  KM 30,8 (FILISUR) Die erste Prüfung. Nach dem „Zehner“ ein 1,5 km steiler Anstieg Richtung Monstein. Ich laufe durch, um mich an die kommenden Steigungen, den Druck in den Beinen, zu gewöhnen. Mir geht es gut. Zwischen Km 15 und Km 30 laufe ich nahezu identische 5-Km-Splits: 31.36, 31,20, 31,48 Min.) Auf diesem Abschnitt läuft man über wunderschöne Waldwege, durch die wildromantische Zügenschlucht und als Höhepunkt über das Wiesener Viadukt. Filisur, mit 1.000 m ü.d.M. dem tiefsten Punkt der Strecke, erreiche ich nach 3.27 Std.

 

Für die K 30 Läufer ist hier das Ende. Sie kommen mir entgegen, medaillienbehangen, lachend, glücklich. Irgendwie beneide ich sie in diesem Moment, dass sie es bereits geschafft haben.

 

KM 30,8 (FILISUR)  bis  39,2 (BERGÜN – 1.362 m.) Ab nun geht es bergauf. Allgemein heißt es jetzt beim Anstieg nach Bergün „Kräfte sparen“. Für mich illusorisch. Ich habe hier, für mich unerwartet, einen starken Einbruch. Ich quäle mich recht langsam die Steigungen empor und erreiche Bergün nach rd. 4.45 St.  Ich bin zu dieser Zeit völlig ausgepumpt, erschöpft. Rein rechnerisch hat man hier die halbe Distanz zurückgelegt, aber, wie man weiß, beginnt der Swiss Alpine jetzt erst so richtig. Eigentlich will ich aufhören. Nur kurz war dieser Gedanke, dann geht es weiter. Aufgeben gilt nicht.

 

KM 39,2 (BERGÜN – 1.362 m )  bis  KM 52,9 (KESCHHÜTTE - 2.632 m) Ab jetzt heißt es den einsamen Kampf gegen den Berg zu gewinnen. Auf den nächsten acht Kilometern geht es nun durch das Val Tours gleichmäßig bergauf auf schönen Wegen, Strassen, mitten durch grüne üppige Wiesen, Wälder hinauf nach Chants auf rund 1.840 m Höhe. Eine kleine verträumte

Ortschaft, nur einige Häuser, die letzte Station (hier könnte man noch umdrehen) ehe es ins hochalpine Gelände geht.

 

5,9 Kilometer und 800 Höhenmeter fehlen jetzt noch bis zum „Dach“ des Swiss Alpine, der Keschhütte. Zum Laufen habe ich längst aufgehört, Wandertag war angesagt. Es war jedoch eigenartig. Je länger der Anstieg nun dauerte, umso mehr kehrte die Kraft wieder zurück. Diese fantastische Bergwelt, der Blick zum Gletscher des Piz Kesch, die vielen Leute auf der Strecke, die anfeuerten, Mut zusprachen und auch manchmal ihre Hände hilfreich zur Bewältigung der steilen Passagen anboten, dies alles baute innerlich richtig auf. Und dann war sie vor mir, die Keschhütte.

7 ¾ Stunden war ich bisher unterwegs, und ich spürte kaum eine Müdigkeit. Ein Hochgefühl überkam mich und ich freute mich richtig auf den nächsten Abschnitt, den Panoramatrail.

 

KM 52,9 (KESCHHÜTTE – 2.632 m)  über  KM 60,1 (SCALETTAPASS – 2.606 m)  bis  KM 64,0 (Dürrboden – 2.007 m) Eingebettet zwischen der Keschhütte und dem Scalettapass liegt auf einer Länge von 7,2 km der   P a n o r a m a t r a i l ,   ein schmaler, teils ausgesetzter Bergweg. Auf einer Höhendifferenz von rund 100 Metern ein ständiges auf und ab, hin und her, über Steine Felsen, durch Schmelzwasser oder auch über ein Schneefeld. Die Bergwelt der Umgebung kann man leider nicht genießen, zu sehr ist Konzentration auf die Strecke erforderlich. Ein Sturz könnte hier böse Folgen haben. Für mich war dieser Teil des Swiss Alpine der Höhepunkt, das Herz dieses Ultralaufes. Es war einfach befreiend in dieser Höhe sich zu bewegen, einen Wettkampf zu bestreiten.

 

Den Scalettapass passierte ich nach rund 9 ¼ Stunden. Ab jetzt war ich mir ganz sicher das Ziel in Davos zu erreichen.  Auf den nächsten 3,9 Kilometern war große Vorsicht geboten. 600 Höhenmeter hinunter, zum Teil sehr steil, über Geröll, Felsen und Schnee.

 

Dürrboden, die letzte Kontrollstation. Es ist jetzt 18.03 Uhr. Vor mehr als 10 Stunden sind wir in Davos gestartet.

 

KM 64,0 (DÜRRBODEN – 2.007 m)  bis  KM 78,5 (DAVOS – 1.538 m)

Noch 14,5 km und fast zwei Stunden Zeit dafür. Üblicherweise kein Problem, aber heute? Die Strecke kommt einem entgegen. Nur selten Anstiege, sonst stets leicht bergab. Angenehm zu laufende Wege über Wiesen und durch Wälder. Laufen ist wieder angesagt. Es fällt am Anfang etwas schwer, doch dann kommt man richtig „ins rollen“. Das Ziel vor Augen beflügelt. Ich war in einer echten Hochstimmung und lief die nächsten 10 Kilometer problemlos in 69 Minuten. Km 75 in 11.24 Std.  Hier bei der  letzten von insgesamt 22 ( ! ) Verpflegsstellen gönnte ich mir noch eine kurze Gehpause.

 

Davos. Noch immer viele Leute auf den Strassen, keine stummen Zuschauer – wie bei uns hier meist üblich – und deren lautstarke Anfeuerung begleitete mich bis zum Stadiontor. Und dann die letzten 200 Meter auf der Laufbahn. Dieses Erlebnis des Zieleinlaufes ist nur schwer zu beschreiben. Die vielen Zuschauer feiern jeden Finisher wie einen Sieger.

 

Nach 11.49.32 Std. war es dann soweit. Ich bin heimgekommen. Evelyne erwartete mich unmittelbar hinter der Ziellinie und nahm mich liebevoll (besorgt?) in Empfang. Aber ich war voll o.k. Die ersten Worte fielen etwas schwer. Emotionen kamen hoch. Die Startnummer wurde mit dem Aufdruck „Ziel erreicht“ versehen, Vom Fuß wurde mir hilfreich der Chip entfernt und als „Lohn“ gab es ein Finisher T-Shirt (übrigens von sehr guter Qualität).

 

Insgesamt 779 Männer und 101 Frauen erreichten das Ziel eines Bewerbes, der aus meiner Sicht perfekt organisiert war. 22 Verpflegsstellen, auf 17 Posten Sanitätsdienst – diese hatten das Recht TeilnehmerInnen bei Anzeichen von gesundheitlichen Problemen aus dem Rennen zu nehmen – Ärzte, Hubschrauber standen bei Gefahr für Einsätze bereit, die Laufstrecke , bestens markiert, war vom Verkehr völlig freigehalten.

 

Zahlreiche weitere Aktivitäten und Bewerbe umrahmten diesen Ultra Berglauf. Die ganze Woche über bereits verschiedene Seminare und am Freitag dann die Marathonmesse, Pasta Party und als Beginn der Wettkämpfe die Kinderläufe.

 

Im anschließenden LADY-Lauf über 5,1 Kilometer ging auch Evelyne (völlig unvorbereitet und ohne Training) an den Start und platzierte sich in 34.25 Min. unter 10 Teilnehmerinnen ihrer Altersklasse W 50 auf dem 7.Platz.

 

Am Sonntag

 fand dann parallel zum K 78, der K 30 (Davos  - Filisur), ein Marathon K 42 (Bergün – Davos) und ein Team-Bewerb (1 Biker, 1 Skater, 3 Läufer teilten sich die 78,5 km) statt. Insgesamt 4.089 TeilnehmerInnen sind zu den verschiedenen Bewerben angetreten.

 

Sollte jetzt jemand auf den Swiss Alpine „Geschmack“ bekommen haben, stehe ich gerne für Anfragen bereit (Tel. 02231/62241)

 

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